Ein Stillleben ist besonders gut geeignet, um Zeichnen zu lernen, weil man in Ruhe und ohne Zeitdruck arbeiten kann. Die Gegenstände bewegen sich nicht, sodass man sie genau beobachten und immer wieder überprüfen kann. Dabei kann man wichtige Grundlagen des Zeichnens üben, zum Beispiel Proportionen, Formen, Perspektive, Licht und Schatten. Auch das genaue Beobachten wird trainiert: Man lernt, Gegenstände nicht nur so zu zeichnen, wie man sie aus dem Kopf kennt, sondern so, wie sie tatsächlich aussehen. Außerdem kann man ein Stillleben selbst zusammenstellen und den Schwierigkeitsgrad langsam steigern. So eignet es sich sowohl für Anfänger als auch für Fortgeschrittene.
Stillleben zeichnen Schritt für Schritt
Im Folgenden habe ich aufgelistet, wie man beim Zeichnen eines Bleistift-Stilllebens Schritt für Schritt vom Groben zum Detail vorgeht. Das Gute ist - und daher sind Stillleben auch so geeignet für Einsteiger -, dass man jeden Schritt wiederholen und weiter verbessern kann. Und dadurch, dass man das Bild quasi die ganze Zeit unverändert vor Augen hat, kann man die Dinge, die man noch nicht beherrscht, ganz gut erkennen.
- Gegenstände auswählen und anordnen
Zuerst stellt man einige Gegenstände zusammen. Dabei sollte man darauf achten, dass sie sich in Größe und Form unterscheiden und interessant angeordnet sind. Ich würde Obst (z.B. Apfel, Birne, Orange oder Banane) empfehlen, weil diese Formen meist relativ einfach sind. (Dazu unten mehr ...) - Genau beobachten
Bevor man zeichnet, betrachtet man das Stillleben genau. Man achtet auf die Formen, Größenverhältnisse, Abstände und die Richtung des Lichts. Diese Phase des genauen Beobachtens ist enorm wichtig: dadurch lernt man Proportionen und Helligkeiten visuell zu differenzieren. - Leicht vorzeichnen
Mit einem Bleistift zeichnet man zunächst die Grundformen der Gegenstände ganz leicht vor. Dabei sollte man noch keine Details zeichnen. Gerade diese Phase des Vorzeichnens kann man mehrfach (oder sogar vielfach) wiederholen. Das geht zügig von der Hand und man lernt dabei sehr viel. Zudem kann man in dieser Phase noch einfach korrigieren. Achten Sie darauf, dass Sie nicht so stark aufdrücken, sondern nur blasse, oberflächliche Linien zeichnen. - Licht und Schatten einzeichnen
Anschließend beobachtet man, wo die hellsten und dunkelsten Stellen liegen. Man zeichnet zunächst die großen Schattenflächen und arbeitet sich langsam zu den feineren Übergängen vor. Grundsätzlich zeichnet man von Dunkel nach Hell - also erst die dunklen Bereiche weiter abdunkeln und dann die Übergänge zu den helleren Flächen zeichnen. (Siehe auch: Schattieren) - Details hinzufügen
Erst am Ende werden kleinere Details wie Muster, Strukturen oder besondere Oberflächen ausgearbeitet. Dabei gilt in dieser Phase: keine Angst vor den Feinheiten. Letzlich besteht alles (!) in Ihrer Zeichnung aus mehr oder weniger feinen Bleistift-Flächen. - Zeichnung kritisch überprüfen
Zum Schluss sollte man das gesamte Bild betrachten und prüfen, ob die Gegenstände räumlich wirken und Licht und Schatten zusammenpassen. Zwei Dinge sind hier zu beachten: Erstens: seien Sie kritisch mit Ihrer Zeichnung. Versuchen Sie zu erkennen, wo Sie Fehler gemacht haben und was man anders bzw. besser hätte zeichnen können. Da niemand fotografisch exakt zeichnen kann, wird es also eine Menge solcher Fehler geben. - Aber: Bedenken Sie, dass diese kleinen Fehler am Ende das Originelle, ja das Einzigartige Ihrer Zeichnung sein wird. Es sind eben die kleinen Fehler, die einen individuellen Stil kennzeichnen und das Bild als künstlerische Zeichnung letztlich lebendig machen.
Wichtig: Nicht zu früh mit Details beginnen. Eine gute Zeichnung entsteht zuerst durch richtige Formen, Proportionen und Hell-Dunkel-Verteilung – die Details kommen erst danach.
Video: Stillleben zeichnen
In dem flgenden Video zeige ich den Zeichenprozess eine Vanitas-Stilllebens von Anfang bis Ende:
Ideen für den Aufbau eines Stilllebens
Wie oben gesagt, beginnt das Zeichnen eines Stillllebens immer mit dem Aufbau. Hierbei gibt es viele verschiedene Möglichkeiten. Beim Aufbau eines Stilllebens kann man mit Formen, Größen, Materialien, Helligkeiten und Anordnungen spielen. Die folgenden Ideen sollen dabei eine Hilfe und Inspiration bieten.
- Einfacher Einstieg: Eine Tasse, ein Apfel und ein Tuch. Die wenigen Gegenstände machen es leichter, Proportionen und Schatten zu üben.
- Unterschiedliche Formen: Eine Flasche, eine Kugel (z.B. Orange) und ein Würfel (Kasten). So kann man verschiedene Grundformen und Perspektive trainieren.
- Hoch und niedrig: Eine hohe Vase neben kleinen Früchten oder Schalen. Dadurch entsteht ein abwechslungsreicher Aufbau.
- Überlappungen: Mehrere Gegenstände teilweise hintereinanderstellen. So kann man räumliche Tiefe üben.
- Unterschiedliche Materialien: Zum Beispiel ein Glas, ein Metalllöffel, ein Holzgegenstand und ein Stück Stoff. Die verschiedenen Oberflächen sind eine gute Zeichenübung.
- Mit Tuch oder Stoff: Ein Tuch unter oder hinter den Gegenständen sorgt für Falten und interessante Schatten.
- Obststillleben: Äpfel, Birnen, Orangen oder Trauben in einer Schale. Die unterschiedlichen Formen und Oberflächen eignen sich gut zum Üben.
- Natürliches Stillleben: Steine, Blätter, Äste, Blumen oder Muscheln. Dabei kann man organische Formen und Strukturen zeichnen.
- Gegenstände mit persönlicher Bedeutung: Lieblingsgegenstände, Bücher, Fotos oder Erinnerungsstücke. Dadurch bekommt das Stillleben eine persönliche Aussage.
- Geometrische Anordnung: Gegenstände bewusst in einer Dreiecksform oder entlang einer Diagonale anordnen. Das kann das Bild besonders harmonisch wirken lassen.
- Starkes Licht: Eine Lampe seitlich auf das Stillleben richten. Dadurch entstehen deutliche Hell-Dunkel-Kontraste und kräftige Schatten.
- Ton-in-Ton: Gegenstände mit ähnlichen Farben auswählen und vor einem passenden Hintergrund aufbauen. Dadurch liegt der Schwerpunkt stärker auf Formen und Licht.
Für Anfänger würde ich mit etwa 3–4 Gegenständen beginnen. Besonders geeignet ist eine Kombination aus einem runden, einem eckigen und einem hohen Gegenstand, zum Beispiel Apfel + Buch + Flasche. So lassen sich viele wichtige Grundlagen des Zeichnens gleichzeitig üben.
Viel Erfolg!
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