Beim Zeichnen eines Gesichts gibt es einige klassische Proportionsregeln, die als Orientierung helfen. Sie sind jedoch keine festen Gesetze, sondern eher Faustformeln für das "ideale Gesicht". Diese Grundregeln gilt es beim Porträtzeichnen anzupassen. Jedes Gesicht ist individuell und weicht mehr oder weniger stark von diesen idealisierten Verhältnissen ab. Für die einzelnen Teile: Augen, Nase, Mund etc. siehe auch: "Gesichter zeichnen".
Vertikale und horizontale Grundregeln im Gesicht
Die Proportionsregeln gelten für einen Kopf bzw. ein Gesicht von vorne, also frontal.
Zunächst zu der vertikalen Unterteilung: Dabei muss zwischen der gesamten Kopfhöhe und dem sichtbaren Gesicht unterschieden werden. Der obere Teil des Kopfes reicht also über den Haaransatz hinaus. Der Bereich vom Kinn bis zum Haaransatz ist nicht dasselbe wie die gesamte Kopfform. Eine verbreitete Faustregel besagt, dass die Augen ungefähr auf der Mitte der gesamten Kopfhöhe liegen (siehe Abbildung). Demnach ist der Teil oberhalb der Augenmittellinie genauso hoch wie der untere Teil.
Nun teilt am den Bereich zwischen Augen und Kinn in drei Abschnitte (also beginnend in den Augen): dann sitzt die Nasenspitze etwa auf einem Drittel der Höhe. Nach zwei Drittel kommt dann die Mittellinie des Mundes. (Zur "Drittel-Regel" siehe unten). Gerade die Abstände zwischen Nase, Mund und Kinn unterscheiden sich von Mensch zu Mensch und sind für ein Porträt sehr charakteristisch.
Zur horizontalen Einteilung: In der Breite kann man ebenfalls mit einfachen Vergleichsmaßen arbeiten. Als klassische Proportionsregel gilt beispielsweise, dass der Abstand zwischen den Augen ungefähr der Breite eines Auges entspricht. Eine weitere häufig verwendete Faustregel besagt, dass die Breite der Nase ungefähr dem Abstand zwischen den Augen entspricht. Bei realen Menschen kann dieses Verhältnis jedoch deutlich abweichen.
Bei einem Gesicht in Frontalansicht liegen die Ohren häufig ungefähr zwischen der Höhe der Augen und der Nasenbasis. Auch diese Regel ist nur eine Näherung. Bei einer gedrehten oder geneigten Kopfhaltung verändert sich die sichtbare Position des Ohres deutlich. Hier ist es besonders wichtig, eine tatsächliche Vorlage zu beobachten.
Die Drittel-Regel: die drei Bereiche des Gesichts
Die Drittel-Regel (auch Drittelformel) teilt das menschliche Gesicht senkrecht in drei gleich große Abschnitte von der Haarlinie bis zum Kinn (oberhalb wird noch mal etwa ein halbes Drittel bis zur Oberkante des Kopfes ergänzt). Diese Aufteilung dient in Kunst, Ästhetik und Medizin als Maßstab für Symmetrie und harmonische Proportionen.
Auf dieser Grundlage kann man ein Gesicht von vorne auch aus Kreisen konstruieren (siehe Abbildung rechts).
- Oben: Stirn, Haaransatz bis Augen
- Mitte: Augen bis Unterkante Nase
- Unten: Mund bis Kinnspitze
Diese Einteilung bietet eine nützliche, vereinfachte Orientierung, aber bei realen Gesichtern sind die drei Abschnitte selten exakt gleich groß. Bei manchen Menschen ist beispielsweise die Stirn höher, bei anderen der Mittelbereich des Gesichts länger oder das Kinn ausgeprägter.
Die Grundformen können dabei als Hilfskonstruktion dienen: Der Schädel lässt sich vereinfacht als Kreis bzw. Kugelform darstellen, auf die anschließend die Gesichtspartie aufgesetzt wird
Für ein realistisches Porträt sind deshalb die individuellen Abweichungen besonders wichtig. Diese entdeckt man nur durch genaues Beobachten. Beim Zeichnen sollte man nicht nur die Höhen und Breiten, sondern auch die Verhältnisse und Abstände vergleichen. Interessante Fragen sind beispielsweise:
- Wie breit ist der Kopf im Verhältnis zu seiner Höhe?
- Wie weit stehen die Augen auseinander?
- Wie breit ist die Nase im Verhältnis zu den Augen?
- Wie breit ist der Mund im Verhältnis zur Nase?
- Wie breit ist der Kiefer?
- Wie groß ist der Abstand zwischen Kinn und Hals?
Solche Vergleiche sind oft hilfreicher als das pure Auswendiglernen vieler einzelner Regeln.
Auch das Alter und das Geschlecht spielen natürlich eine wichtige Rolle. Bei Babys und Kleinkindern liegen die Augen deutlich unter der Mitte des Kopfes, der Schädelbereich ist proportional riesig. Männliche Kieferformen wirken oft eckiger und breiter, weibliche hingegen runder und weicher.
Grundregeln für den Kopf im Profil
Auch beim Zeichnen eines Profils gibt es einige Grundregeln. Entscheidend sind hier neben den genannten Abständen von Haaransatz, Augen, Nase, Mund und Kinn vor allem die Verhältnisse zur Schädel- und Ohrposition.
Als Ausgangspunkt kann man den Schädel zunächst als kugelähnliche Grundform betrachten. Daran wird die Gesichtsform mit Stirn, Nase, Mund und Kinn angesetzt.
Besonders wichtig ist die Position des Ohres: dieses sitzt links von der Mitte des Profilkopfes. Das Gesicht selber nimmt nur rund ein Viertel des Profilkopfes ein. Beides - Position des Ohres und Breites des Gesichts - wird von Einsteigern meist falsch eingeschätzt. Sehr häufig erscheint der Hinterkopf viel zu kurz und zu klein - einfach, weil das Gesicht selber (Augen, Nase, Mund und Kinn - zu breits angelegt werden.
Das sichtbare Auge (Achtung: nur eine Dreiecksform) liegt ungefähr auf der Höhe, die man auch bei der Frontalansicht als Orientierung verwendet (Drittel-Regel, siehe oben). Das Ohr befindet sich ungefähr auf der Höhe der Nase. Diese Angaben sind jedoch nur Faustregeln und können je nach Person und Kopfhaltung deutlich abweichen.
Im Profil werden außerdem die Abstände und Größenverhältnisse von Nase, Mund und Kinn besonders wichtig. Die Länge und Form der Nase beeinflusst die gesamte Profilwirkung. Ebenso verändern die Form und Stellung des Kinns den Charakter der Seitenansicht. Zwischen Nase, Lippen und Kinn sollte deshalb nicht nur die einzelne Form, sondern immer auch die jeweilige Beziehung zueinander betrachtet werden.
Auch der Hals ist ein wichtiger Bestandteil des Profils. Er beginnt nicht unmittelbar unter dem Kinn, sondern setzt sich aus dem Kiefer- und Nackenbereich nach unten fort. Seine Breite und Neigung hängen von der Kopfhaltung und der individuellen Anatomie ab.
Für das individuell korrekte Porträt ist die äußere Silhouette sehr wichtig: Stirn, Nasenrücken, Nasenspitze, Lippen und Kinn bilden eine charakteristische Linie, die einem Porträt die Wiedererkennbarkeit verleiht.
Proportionen verändern sich durch die Perspektive
Besonders wichtig ist die Perspektive, also der Blickwinkel auf ein Gesicht. Ein Gesicht von vorne lässt sich relativ einfach mit waagerechten Orientierungslinien konstruieren. Wird der Kopf jedoch gedreht, geneigt oder von oben bzw. unten betrachtet, verändern sich die sichtbaren Proportionen. Ein Auge kann beispielsweise näher an die Mittellinie rücken, während die andere Gesichtshälfte schmaler erscheint. Auch Nase und Mund verändern ihre scheinbare Position und Größe.
Die Loomis-Methode ist eine berühmte Zeichentechnik, um Köpfe und Gesichter realistisch und aus jeder Perspektive zu konstruieren. Sie nutzt einen Kreis als Grundform, der an den Seiten abgeflacht und mit einem geometrischen Raster aus Hilfslinien versehen wird, um die Proportionen von Augen, Nase und Mund exakt zu bestimmen. Die Methode wurde von dem US-Illustrator Andrew Loomis entwickelt. Sie hilft dabei, das räumliche Verständnis für den Kopf zu schulen.
- Grundkreis: Man startet mit einer Kugel, die als Schädelbasis dient.
- Seitliche Abflachung: Da der Kopf keine perfekte Kugel ist, werden die Seiten des Kreises abgeschnitten.
- Hilfslinien: Ein Kreuz in der Mitte markiert die Augenbrauenlinie und die Nasen- bzw. Mittellinie.
- Gesichtsteile ansetzen: Durch das Anlegen von Vierecken und das Projizieren nach unten lassen sich Kinn, Haarlinie und Gesichtszüge logisch einteilen.
Aber: Reale Gesichter weichen oft von diesen idealen Maßen ab. Wer sklavisch nur diese Methode nutzt, riskiert, dass alle Gesichter gleich aussehen („Same Face Syndrome“). Reale Gesichter weichen oft von diesen idealen Maßen ab.
Individuelle Proportionen sind entscheidend
Zusammenspiel aller Einzelteile
Für ein Porträt sind gerade die Abweichungen von den idealisierten Regeln wichtig. Ein Mensch kann beispielsweise:
- eine besonders hohe Stirn haben,
- weit auseinanderstehende Augen besitzen,
- eine kurze oder lange Nase haben,
- ein schmales oder breites Gesicht haben,
- ein markantes Kinn besitzen.
Diese individuellen Merkmale machen ein Gesicht wiedererkennbar. Auch die leichte Asymmetrie eines Gesichts ist ein wichtiges individuelles Merkmal. Die beiden Gesichtshälften sind bei keinem Menschen vollkommen identisch. Deshalb lautet eine wichtige Regel beim Porträtzeichnen: Proportionsregeln helfen beim Aufbau – die Beobachtung entscheidet über die Ähnlichkeit.
Übung 1: Gesicht konstruieren
Eine einfache, aber gute Übung besteht darin, ein Gesicht zunächst nur mit wenigen Hilfslinien zu konstruieren.
- Kopfform zeichnen.
- Senkrechte Mittellinie einzeichnen.
- Position der Augen markieren.
- Nase und Mund grob positionieren.
- Breiten und Abstände vergleichen.
- Erst danach Augen, Nase, Mund, Ohren und Haare ausarbeiten.
Anschließend kann man die Hilfslinien entfernen und prüfen, ob das Gesicht auch ohne Konstruktion stimmig wirkt. Noch besser ist es, mehrere unterschiedliche Gesichter miteinander zu vergleichen. Dadurch erkennt man schnell, dass die bekannten Proportionsregeln nur ungefähre Durchschnittswerte beschreiben.
Übung 2: Verschiedene Blickwinkel üben
Die zweite Übung ist etwas kniffeliger. Sie entspricht vom Ablauf her der ersten Übung, nur dass man nun einen gedrehten oder geneigten Kopf aus Grundformen konstruiert. Wichtig ist, den Kopf zunächst als zwei Kugeln zu zeichnen. Die untere, etwas kleinere Kugel (Kiefer) bestimmt, in welche Richtung der Kopf gedreht oder geneigt ist. Genau genommen hat der Kiefer natürlich keine Kugelform. Aber für die zeichnerische Konstruktion ist diese Vereinfachung hilfreich.
Anschließend zeichnet man erneut zunächst die Mittellinie und bestimmt dann, auf welcher Höhe sich Haaransatz, Augen, Nase und Mund befinden. Mit Hilfe der Drittel-Regel gelingt das mit einigem Üben ganz gut.
Fazit
Proportionen geben beim Zeichnen eines Gesichts eine wichtige Orientierung. Sie helfen dabei, die Positionen und Größen der einzelnen Gesichtsteile zunächst sinnvoll festzulegen. Doch ein gutes Porträt entsteht nicht durch das perfekte Einhalten einer Proportionsformel. Entscheidend ist, die tatsächlichen Verhältnisse und individuellen Besonderheiten des jeweiligen Gesichts zu beobachten. Erst die Grundregeln verstehen, dann genau hinschauen und die Abweichungen zeichnen. Denn:
Proportionsregeln helfen beim Aufbau – die Beobachtung entscheidet über die Ähnlichkeit.
Viel Erfolg!
Übrigens: die Form des Gesichts ist nicht nur für Zeichnungen relevant, sondern auch aus modisch-ästhetischen Gründen. So sollte man zum Beispiel den Abstand der Augen beachten, wenn man sich eine neue Brille aussucht. Mehr dazu siehe: Welche Brille für welches Gesicht? (Damen) (Die Grafiken dazu hatte ich im Jahr 2013 erstellt).