Proportionen gehören zu den wichtigsten Grundlagen beim Zeichnen. Sie bestimmen, wie groß ein Gegenstand im Verhältnis zu anderen Gegenständen ist und wie die einzelnen Teile innerhalb eines Motivs zueinander stehen.
Ein Bild kann sehr sorgfältig schattiert und mit vielen Details ausgearbeitet sein – wenn die Proportionen nicht stimmen, wirkt die Zeichnung trotzdem schnell unnatürlich. Deshalb lohnt es sich, zunächst die Größenverhältnisse genau zu beobachten, bevor man sich mit den Details beschäftigt.
Was sind Proportionen?
Proportionen sind Größenverhältnisse. Beim Zeichnen geht es vor allem darum, diese Verhältnisse zu sehen, zu vergleichen und richtig auf das Papier zu übertragen. Mit Proportionen sind die Größen- und Längenverhältnisse innerhalb einer Zeichnung gemeint. Zum Beispiel:
- Wie breit ist ein Gegenstand im Verhältnis zu seiner Höhe?
- Wie groß ist ein Apfel im Vergleich zu einer danebenstehenden Flasche?
- Wie lang ist ein Arm im Verhältnis zum Körper?
- Wie groß ist ein Auge im Verhältnis zum Gesicht?
- Wie weit stehen zwei Gegenstände voneinander entfernt?
Beim Zeichnen geht es also nicht nur darum, einen Gegenstand „richtig“ zu zeichnen. Man muss auch erkennen, wie seine einzelnen Teile und seine Umgebung zueinander proportioniert sind.
Warum sind Proportionen so wichtig?
Unser Gehirn kennt viele Gegenstände bereits. Wir wissen beispielsweise, wie eine Tasse, ein Mensch oder ein Haus ungefähr aussieht. Beim Zeichnen führt dieses Wissen aber manchmal dazu, dass wir nicht mehr genau hinsehen. Dann zeichnen wir beispielsweise ein Auge so, wie wir glauben, dass ein Auge aussehen muss – und nicht so, wie es vor uns tatsächlich aussieht.
Gerade beim realistischen Zeichnen ist deshalb eine wichtige Regel: Nicht aus dem Gedächtnis zeichnen, sondern beobachten und vergleichen. Die Proportionen lassen sich dabei als Beziehungen verstehen.
- Man fragt nicht nur: Wie groß ist dieser Gegenstand?
- sondern: Wie groß ist dieser Gegenstand im Verhältnis zu etwas anderem?
Proportionen beobachten und vergleichen
Eine einfache Methode besteht darin, zwei Größen miteinander zu vergleichen. Angenommen, eine Flasche ist dreimal so hoch wie ein Apfel. Dann kann man diese Beziehung beim Zeichnen nutzen. Der Apfel wird zur Vergleichseinheit. Man muss also nicht unbedingt wissen, wie viele Zentimeter die Flasche in Wirklichkeit hoch ist. Entscheidend ist das Verhältnis:
Apfel = 1 Einheit
Flasche = etwa 3 Einheiten
Auf diese Weise kann man auch kompliziertere Motive Schritt für Schritt aufbauen. Die folgende Abbildung zeigt ein Stillleben, in dem die einzelnen Teile als unterschiedlich große Kreisformen in Beziehung zueinander gesetzt wurden.
Proportionen zu zeichnen bedeutet letztlich, Verhältnisse sehen und vergleichen zu lernen. Je häufiger man diese Vergleiche bewusst durchführt, desto leichter wird es. Mit der Zeit entwickelt man ein immer besseres Gefühl dafür, ob eine Form zu breit, zu schmal, zu hoch oder zu niedrig ist. Dabei geht es nicht darum, jede Strecke mathematisch exakt zu vermessen. Das Ziel ist vielmehr, die Beziehungen innerhalb des Motivs wahrzunehmen. Eine gute Zeichnung beginnt deshalb nicht mit dem Detail, sondern mit der Frage:
Was steht hier in welchem Verhältnis zueinander?
Wer sich diese Frage beim Zeichnen regelmäßig stellt, verbessert nicht nur seine Proportionen, sondern gleichzeitig seine Fähigkeit, genau zu beobachten.
Wichtig! Ein Gegenstand kann in einer Zeichnung kleiner sein als in Wirklichkeit und trotzdem richtig proportioniert sein. Entscheidend ist nicht das absolute Maß, sondern das Verhältnis zu den anderen Größen im Bild.
Wichtig! Proportionen verändern sich im Raum optisch durch Perspektive. Beispiel: ein ausgestreckter Arm, der auf den Betrachter zeigt, wirkt optisch kürzer. Wenn man den Arm zeichnet, muss er auf dem Papier entsprechend verkürzt dargestellt werden. Mehr dazu siehe: Perspektive zeichnen lernen.
Mit dem Bleistift oder Zirkel messen
Eine praktische Methode ist das Messen mit dem Bleistift oder einem Zirkel. Dazu hält man den Bleistift / Zirkel mit ausgestrecktem Arm vor das Motiv. Mit dem Daumen kann man eine bestimmte Länge markieren, zum Beispiel die Höhe eines Gegenstands. Anschließend kann man diese Länge mit anderen Bereichen des Motivs vergleichen. Wichtig ist dabei, dass der Arm möglichst ausgestreckt bleibt und die Messung immer aus derselben Entfernung erfolgt. Man kann beispielsweise feststellen:
- Die Höhe eines Gegenstands entspricht ungefähr seiner doppelten Breite.
- Eine Vase ist etwa dreimal so hoch wie eine Schale.
- Der Kopf nimmt ungefähr einen bestimmten Teil der Körperhöhe ein.
- Der Abstand zwischen zwei Gegenständen entspricht ungefähr der Breite eines dritten Gegenstands.
Diese Verhältnisse helfen dabei, die Zeichnung korrekt aufzubauen.
Beim Zeichnen muss man nicht ständig Zentimeter messen. Oft reicht es, einfache Verhältnisse zu erkennen. Zum Beispiel: Eine Tasse ist ungefähr so hoch wie die Breite ihrer Öffnung. Oder: Ein bestimmter Gegenstand ist doppelt so hoch wie ein anderer. Solche Beziehungen sind beim Zeichnen oft hilfreicher als absolute Maße. Man sollte sich deshalb immer wieder fragen:
„Wie oft passt diese Strecke in jene Strecke?“
Das ist eine der einfachsten und zugleich wirkungsvollsten Fragen beim Zeichnen.
Fixpunkte setzen
Eine weitere hilfreiche Methode besteht darin, zunächst wichtige Fixpunkte zu bestimmen. Das können beispielsweise sein:
- der höchste Punkt eines Gegenstands
- der tiefste Punkt
- der linke und rechte Rand
- die Mitte
- wichtige Eckpunkte
- Schnittpunkte von Linien
- Anfang und Ende einer Rundung
Diese Punkte können zunächst ganz leicht mit dem Bleistift markiert werden. Anschließend verbindet man sie miteinander und kontrolliert die Größenverhältnisse. So entsteht eine Art Gerüst, bevor die eigentliche Ausarbeitung beginnt.
Negative Formen beachten
Beim Zeichnen sollte man nicht nur die Gegenstände selbst betrachten. Ebenso wichtig sind die freien Flächen zwischen den Gegenständen. Diese Flächen nennt man negative Formen. Stehen beispielsweise zwei Gegenstände nebeneinander, entsteht zwischen ihnen eine bestimmte Form. Ist diese Lücke in der Zeichnung zu breit oder zu schmal, kann das gesamte Motiv falsch wirken – auch wenn die beiden Gegenstände einzeln betrachtet gut gezeichnet sind. Deshalb lohnt sich die Frage:
„Welche Form entsteht zwischen den Dingen?“
Negative Formen sind besonders hilfreich, weil man sie häufig leichter vergleichen kann als komplexe Gegenstände.
Gerade bei komplexen Motiven können die Zwischenräume leichter zu erkennen sein als die Gegenstände selbst. Wer die Form einer solchen Lücke richtig zeichnet, verbessert damit gleichzeitig die Proportionen der angrenzenden Gegenstände.
Proportionen bei einem Stillleben
Ein Stillleben eignet sich hervorragend, um Proportionen zu üben. Man kann beispielsweise eine Flasche, einen Apfel und ein Buch aufstellen. Bevor man Details zeichnet, untersucht man:
- Wie hoch ist die Flasche im Vergleich zum Apfel?
- Wie breit ist das Buch im Verhältnis zur Flasche?
- Wie groß ist der Abstand zwischen den Gegenständen?
- Wo befindet sich jeder Gegenstand innerhalb des Bildformats?
- Wie viel Platz bleibt über und neben den Gegenständen?
Anschließend zeichnet man zunächst nur die großen Formen. Erst wenn diese stimmen, beginnt man mit Schattierung und Details.
Proportionen beim Menschen
Berühmte Proportionsstudie
Beim Menschen sind Proportionen besonders wichtig, weil wir kleine Abweichungen sehr schnell wahrnehmen. Hier kann man zunächst mit vereinfachten Formen arbeiten:
- Kopf
- Brustkorb
- Becken
- Arme
- Beine
Der Körper lässt sich zunächst als eine Anordnung einfacher Formen betrachten. Dadurch wird es leichter, die Größen und Abstände miteinander zu vergleichen. Auch hier sollte man nicht versuchen, sofort jedes Detail zu zeichnen. Zuerst muss die Gesamtform stimmen.
In der Renaissance bekam das Thema Proportion für die Künstler eine zentrale Bedeutung. Man erkannte die Möglichkeit, bei der Gestaltung von Kunstwerken nach Harmonie und Ausgewogenheit zu suchen - eben auch, indem man die Proportionen wohl wählte. Als Beispiele werden auf dieser Seite zwei berühmte Studien von Leonardo da Vinci und Albrecht Dürer gezeigt. Proportionen waren für beide ein zentraler Bestandteil ihrer Kunst. Beide wollten den menschlichen Körper und die sichtbare Welt möglichst genau verstehen und darstellen.
- Leonardo da Vinci untersuchte die menschlichen Körperproportionen anhand von Beobachtungen und anatomischen Studien. Sein berühmter Vitruvianischer Mensch zeigt den Versuch, die idealen Verhältnisse des menschlichen Körpers geometrisch zu erfassen.
- Albrecht Dürer beschäftigte sich ebenfalls intensiv mit den Proportionen des menschlichen Körpers. In seinen theoretischen Schriften entwickelte und untersuchte er verschiedene Proportionssysteme, um Figuren möglichst überzeugend konstruieren zu können.
Für Leonardo und Dürer waren Proportionen deshalb nicht nur ein Hilfsmittel zum Abzeichnen, sondern eine Möglichkeit, die Gesetzmäßigkeiten des menschlichen Körpers und die Vorstellung von Harmonie zu untersuchen.
Häufige Fehler
Ein typischer Anfängerfehler ist, dass man einen Gegenstand nach dem anderen vollständig ausarbeitet. Beispielsweise wird zuerst eine Flasche detailliert gezeichnet. Danach kommt ein Apfel daneben. Erst am Ende stellt man fest, dass die Flasche viel zu groß ist. Besser ist es, alle Gegenstände zunächst grob anzulegen.
Ein weiterer Fehler besteht darin, zu früh Details zu zeichnen. Kleine Details können eine falsche Proportion nicht korrigieren. Auch das ständige Radieren kann problematisch sein. Besser ist es, zunächst mit sehr leichten Linien zu arbeiten und die Zeichnung Schritt für Schritt zu korrigieren.
Aber: nicht immer wichtig!
Wie wichtig die Proportionen in der Kunst sind, hängt auch davon ab, was man erreichen möchte. Wie oben geschildert, waren richtige Proportionen für die Künstler der Renaissance - und auch noch später - von zentraler Wichtigkeit. Das änderte sich jedoch im Laufe der Zeit. Vor allem mit dem Aufkommen der Fotografie veränderte sich vieles grundlegend. Mit der modernen Kunst veränderte sich auch der Umgang mit Proportionen. Künstler mussten die sichtbare Wirklichkeit nicht mehr unbedingt naturgetreu wiedergeben. Proportionen konnten bewusst verändert werden, um einen bestimmten Ausdruck oder eine bestimmte Bildwirkung zu erreichen.
Ein berühmtes Beispiel hierfür ist der "Knabe mit roter Weste" von Paul Cezanne (um 1888/1890). Man erkennt auf den ersten Blick, dass der rechte Arm viel zu lang ist. Die Proportionen stimmen nicht. Der Maler Max Liebermann soll dazu gesagt haben: „Ein so schön gemalter Arm kann gar nicht lang genug sein“. Das Bild wurde 2008 geraubt und war einige Monate verschollen, ehe es wiedergefunden und zurückgegeben werden konnte. Zum Zeitpunkt des Raubs wurde der Wert des Bildes auf 91 Millionen US-Dollar geschätzt.
Soll heißen: wer zeichnen üben möchte, sollte sich intensiv mit dem Thema Proportionen auseinander setzen. Aber man kann sich auch über richtige Proportionen hinwegsetzen, wenn man andere künstlerische Ziele verfolgt.
Piet Mondrian und die Proportionen
mit Rot, Blau, Gelb und Schwarz, 1929
Auch in der abstrakten Kunst spielen Proportionen eine wichtige Rolle. Bei Cézanne werden Proportionen bereits zugunsten der künstlerischen Wirkung verändert. In der abstrakten Kunst lösen sie sich schließlich ganz von der Darstellung eines Gegenstands. Ein gutes Beispiel dafür ist Piet Mondrian. In seinen späteren Bildern reduzierte er die Darstellung auf wenige grundlegende Elemente: waagerechte und senkrechte Linien sowie rechteckige Flächen in Weiß, Schwarz, Rot, Blau und Gelb.
Obwohl seine Bilder sehr einfach wirken, sind die Größenverhältnisse der einzelnen Flächen sorgfältig aufeinander abgestimmt. Ein kleines rotes Rechteck kann beispielsweise neben einer großen weißen Fläche stehen. Gerade dieses Verhältnis erzeugt Spannung und bestimmt, wie ausgewogen oder dynamisch das Bild wirkt.
Mondrian zeigt damit, dass Proportionen nicht nur beim Zeichnen von Menschen oder Gegenständen wichtig sind. Auch die Beziehung zwischen Flächen und Formen kann ein Bild harmonisch oder spannungsvoll machen.
Seine Kunst ist ein gutes Beispiel dafür, dass Proportionen ein grundlegendes Gestaltungsmittel sind: Man kann sie realistisch übernehmen – oder bewusst verändern und einsetzen, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen.
Proportionen zeichnen: einfache Übungen
Für den Anfang reicht ein sehr einfaches Stillleben mit zwei oder drei Gegenständen. Die Übung lautet: Größenverhältnisse erkunden, und beobachten, vergleichen und dann skizzieren.
- Stelle zwei Gegenstände vor dich.
- Wähle den kleineren Gegenstand als Vergleichseinheit.
- Schätze, wie oft seine Höhe in die Höhe des größeren Gegenstands passt.
- Zeichne beide Gegenstände zunächst als einfache Formen.
- Überprüfe die Höhen und Breiten.
- Kontrolliere die Abstände zwischen den Gegenständen.
- Zeichne erst danach die Konturen genauer.
- Ergänze anschließend Licht, Schatten und Details.
Die Übung kann später schwieriger werden, indem man mehr Gegenstände verwendet oder die Anordnung verändert.
Zweite Übung: Nur die Zwischenräume zeichnen: Stelle zwei oder drei Gegenstände auf. Zeichne nicht die Gegenstände selbst, sondern zunächst nur die Formen der Zwischenräume. Vergleiche anschließend Deine Zeichnung mit dem Stillleben. Stimmen die Abstände und Größenverhältnisse, stimmen meistens auch die Proportionen der Gegenstände.
Viel Erfolg!
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- Wikipedia: Bleistift
- Faber-Castell: Bleistifte (Hersteller-Seite)