Portrait zeichnen: Grundlagen, Übungen und Tipps

Ein Portrait zeichnen: Grundlagen, Übungen und Tipps

Portraitzeichnung Magnus Carlson, 2020
Porträtzeichnung "Magnus Carlson", 2020

Beim Portrait-Zeichnen geht es darum, das Gesicht einer bestimmten Person zu zeichnen. Anders als beim "Gesicht zeichnen", bei dem es eher um Proportionen und Grundregeln geht (also quasi das mehr oder weniger "ideale Gesicht" oder "ein schönes Gesicht"), liegt der Fokus beim Portrait-Zeichnen auf Ähnlichkeit und Wiedererkennbarkeit eines Menschen.

Die Gesichtsproportionen sind dafür eine wichtige Grundlage. Das habe ich in diesem Artikel ausführlich beschrieben: Gesicht zeichnen lernen - Grundregeln und Tipps. Diese allgemeinen Grundregeln helfen dabei, die Besonderheiten eines konkreten Gesichts überhaupt zu erkennen.

In einem Portrait gibt es immer Abweichungen von den Grundregeln. Genau das macht ein menschliches Gesicht aus: die individuellen, kleinen Unterschiede. Um diese richtig zeichnen zu können, muss man sie zunächst erkennen. Und hierfür muss man zunächst lernen, ein Gesicht richtig zu beobachten. Also:

Beobachten und individuelle Merkmale erkennen

Selbstportrait Zeichnung, 1988
"Selbstportrait" Zeichnung, 1988

Ein häufiger Fehler beim Portraitzeichnen besteht darin, dass man bei der Vorlage (also dem Gegenüber oder der Abbildung der Person, die man portraitieren möchte), als erstes auf die Augen schaut. Das ist verständlich und menschlich: Die Augen wirken wichtig und interessant und scheinen ein Tor zu der Persönlichkeit zu sein. Aber: das führt in die Irre.

Man muss beim Portraitzeichnen zunächst lernen, sachlich und distanziert zu beobachten. Das Auge ist genauso wichtig wie das Nasenloch oder eine Falte oder eine Hautunreinheit. Alles im Gesicht ist letztlich nur ein Farbton inklusive Helligkeit oder Dunkelheit. Erst wenn man das wirklich verstanden und akzeptiert hat, kann man ein Gesicht nüchtern und sachlich beobachten und mit dem "visuellen vermessen" anfangen.

Hierbei vermisst man optisch die Abstände, indem man sie immer miteinander vergleicht. Wie breit ist ein Auge im Verhältnis zu seiner Höhe? Wie breit ist der Abstand der Augen verglichen mit der Breite eines Auges? Wie weit ist der Abstand zwischen der Unterkante des Auges bis zum Nasenflügel? Wie breit ist die Nase im Verhältnis zu den Augen? Und so weiter ...

Dieses visuelle Vermessen eines Gesichts kann auf zweierlei Wegen erfolgen:

Methode 1: Von innen nach außen zeichnen

Portraitzeichnung Julius Caesar, 2020
"Julius Caesar", Portrait-Zeichnung 2020

Entweder geht man so vor wie zuvor beschrieben: ausgehend von der Nase und den Augen erschließt man das Gesicht von innen nach außen. Der einzige Nachteil dabei ist: wenn man falsch beginnt, kann es am Ende böse Überraschungen geben, wenn Teile des Portraits nicht mehr auf das Blatt passen.

Methode 2: Von außen nach innen zeichnen

Die alternative Methode besteht darin, zunächst nur die äußere Kopfform zu erfassen und sich dann von außen nach innen voranzuarbeiten. Also etwa so: Wo sitzen die Augen im Verhältnis zur Kopfform? Beim frontalen Gesicht in der Mitte, aber sobald der Kopf etwas gedreht oder geneigt ist, verschiebt sie die Augenlinie. Wo sitzt die Nasenspitze im Verhältnis zu der Augenunterkante und Augenbreite? Wo beginnt die Oberlippe, wo die Mundlinie? Alles immer bezogen auf die äußere Kopfform. Und so weiter ...

Der Nachteil dieser Methode liegt darin, dass bei komplizierten Frisuren die Kopfform als solche schwieriger zu erkennen ist. Man muss die Haare immer in das optische Vermessen mit einbeziehen (was man allerdings sowieso tun muss ...) Das folgende Video zeigt, wie ich Magnus Carlsen mit Bleistift zeichne:

"Portrait zeichnen von Magnus Carlsen" (2020)
Bitte anklicken, um das Youtube-Video zu laden.

Vorgehen beim Portrait-Zeichnen

Ich persönlich zeichne Portraits als Mischform dieser beiden Methoden: ich erfasse zunächst in lockeren Strichen die gesamte Kopfform und versuche dann, die Augenlinie möglichst exakt zu erfassen. Hiervon ausgehend zeichne ich kurze Strichlinien als Markierungen von wichtigen Gesichtsteilen. Erst wenn ich alle Markerungen einigermaßen gesetzt habe, beginne ich damit, die Markierungen zu verlängern und damit Augen, Nase, Mund, Augenbrauen, Ohren und Haare grob zu skizzieren.

Allerdings bleibt es zunächst bei dieser lockeren Skizze, die man mit dem Radiergummi noch leicht korrigieren kann. Denn als nächstes fokussiere ich auf etwas anderes.

Licht und Schatten beobachten und zeichnen

Portraitzeichnung Paul Watzlawick, 2025
"Paul Watzlawick" Portraitzeichnung, 2025

Um die korrekten Proportionen eines individuellen Portraits zu erfassen, muss man auch Licht und Schatten visuell erfassen. Denn nur dadurch wird die Plastizität eines Gesichts erkennbar: Wie lang ist die Nase, wie tief sitzt die Augenhöhle, wie kantig sind die Wangen, wie fleischig sind die Lippen und so weiter. All das kann man mit eine reinen Strichzeichnung nur sehr unzureichend wiedergeben.

Beim Zeichnen von Licht und Schatten gehe ich genau so vor wie beim Positionieren der Gesichtsteile: man muss zunächst beobachten und Unterschiede feststellen. Was ist die hellste Stelle im Gesicht? Was bildet die dunkelste Stelle? Wie dunkel sind die Schatten in der Augenhöhle und unter der Nase im Verhältnis zur dunkelsten Stelle? Wo sitzen bei der Nase helle und dunkle Flächen? Und so weiter ...

Diese Dunkelheiten - die hellen Partien zeichnet man ja in der Regel nicht, weil das Papier selber ja weiß ist - zeichne ich mit einem relativ weichen Bleistift (3B oder 4B), den ich gut anspitze und dann recht weit hinten am Schaft anfasse. Dadurch habe ich nur wenig Druck auf dem Stift und kann das Grafit in leichten kreisenden Bewegungen sehr kontrolliert auf dem Papier auftragen. Das dauert zwar etwas länger, aber man hat so am meisten Kontrolle: sobald man irgendwo zu viel Dunkelheit erzeugt hat, kann man mit dem Knetradiergummi wieder aufhellen.

Apropos: ich würde immer dringend empfehlen, mit einem Knetradiergummi zu arbeiten. Es erlaubt einen viel differenzierteren Abtrag als ein herkömmliches Gummi-Radiergummi.

Erst am Ende die Details zeichnen

Detail einer Portraitzeichnung, 2020
Detail einer Portraitzeichnung: "Auge mit Falten" , 2020

Wenn man die Positionen und Proportionen richtig markiert hat und die Schattenpartien korrekt eingezeichnet hat, sieht das Portrait zwar schon erkennbar und ähnlich aus, aber noch milchig und verschwommen. Nun kann die Zeichnung langsam verfeinert werden, indem man einige Details nachzeichnet, vorsichtig Übergänge verwischt und helle Partien mit einem Radiergummi wieder aufhellt. Dazu gehören beispielsweise Wimpern, Augenbrauen, einzelne Haarsträhnen, Hautfalten, Bartstoppeln, Lippenstruktur, besondere Merkmale der Haut, Ohrring oder Piercing etc. In dieser Phase würde ich einen B2 oder B Bleistift empfehlen, den man gut anspitzt.

Aber Vorsicht: Details können eine Zeichnung zwar realistischer erscheinen lassen, sie können eine falsche Zeichnung aber nicht retten. Wenn die Ähnlichkeit nicht schon vorher da war, so wird man sie durch Details nicht verbessern können. Wenn die Proportionen nicht stimmen, sollte man nicht mit Details weitermachen. Dann ist es besser, einen Schritt zurückzugehen und die großen Formen zu überprüfen. Solange man mit Bleistift zeichnet - was für Anfänger sehr zu empfehlen ist - kein Problem. Schwieriger wird es, wenn man nicht korrigieren kann. So zeigt das folgende Video, wie ich ein Portrait von Albert Einstein zeichne, mit Tusche und Feder:

"Albert Einstein" Portraitzeichnung mit Tusche und Feder (2020)
Bitte anklicken, um das Youtube-Video zu laden.

Häufige Fehler

Portraitzeichnung Friedemann Schulz von Thun, 2025
"Friedemann Schulz von Thun" Portraitzeichnung, 2025

Der häufigste Fehler ist wahrscheinlich, dass man Teile des Gesichts nicht nach der Beobachtung zeichnet (also was man sieht), sondern aus dem Kopf (weil man "weiß, wie z.B. ein Auge aussehen müsste). Diese "Kopf-Konstruktionen" sind beim Portrait-zeichnen äußerst hinderlich. Es ist daher vor allem wichtig - wie eingangs beschrieben - einen möglichst distanziertes und nüchternes Beobachten zu üben.

Auch die zweite grundlegende Schwierigkeit hängt damit zusammen: die Verkürzungen bei einem Kopf, der gedreht oder geneigt ist, zum Beispiel bei einem Dreiviertel-Portrait, zu erfassen. Auch hier neigen viele dazu, die Strecken nicht genau zu beobachten und optisch zu vermessen, sondern sie verlassen sich auf ihr "Gefühl", was meist trügerisch ist. Daher: immer die Abstände und Größenverhältnisse im Gesicht visuell erfassen und dann genau so zeichnen - auch wenn man denkt: das kann doch nicht sein!

Ebenfalls weit verbreitet ist eine Unsicherheit beim Zeichnen der Schatten: Um die Helligkeiten und Glanzreflexe im Portrait wirklich herausarbeiten zu können, muss man verstehen, dass alles andere wenigstens einen leichten Grauwert erhalten muss. Logisch, sonst würden die hellen Lichtreflexe ja gar nicht sichtbar. Dieser leichte Grauwert bereitet vielen Schwierigkeiten: häufig wird zu viel Schatten gezeichnet, so dass das gesamte Portrait sehr dunkel wird und eine düstere Ausstrahlung erhält. Auch hier kann ein Knetradiergummi wertvolle Dienste tun.

1. Übung: Portraits beobachten und visuell analysieren

Die erste Übung kann man ganz ohne Zeichenstift machen: Nimm Dir einfache Portraitfotos und analysiere sie. Untersuche die Abstände der Teile zueinander sowie die Hell-Dunkel-Verteilung. Versuche, die Abstände mathematisch zu erfassen. Dieser Abstand ist doppelt so lang wie dieser, diese Partie genauso so dunkel wie jene. Wie oben gesagt: das genaue Beobachten und visuelle Vermessen sind unabdingbare Skills beim Portrait-Zeichnen.

2. Übung: Portrait nach Foto kopfüber

Für die zweite Übung braucht man erneut ein Portrait-Foto. Dreh das Foto auf den Kopf und zeichnen nun genau das, was Du siehst. Diese Übung ist sehr effektiv - und man kann damit das visuelle Erfassen eines Gesichts sehr gut üben. Denn bei einem Kopfüber gedrehten Portrait kann man sich viel leichter auf die formalen Dinge konzentrieren.

Wiederhole diese Übung so lange, bis Du Dich einigermaßen sicher im Beobachten und visuellen Vermessen fühlst.

3. Übung: schnelle Portraitskizzen

Feuerschlucker, Portrait-Skizze 1988
"Feuerschlucker" Portrait-Skizze, 1988

Gehe mit einem Skizzenbuch an einen öffentlichen Ort, zum Beispiel: Bahnhof, Park, Bibliothek, Museum, etc. Versuche nun, die Menschen, die Du beobachtest, schnell mit einfachen Strichen zu erfassen. Entscheidend bei der Übung ist, ob es Dir gelingt, sachlich und nüchtern zu beobachten und das Gesehen als Skizze zu erfassen. Wenn ja, wirst Du - trotz aller Mängel, die die kurze Zeit mit sich bringt - eine Ähnlichkeit erkennen können.

Wenn Du diesen Schritt geschafft hast, wirst Du - mit mehr Zeit und Ruhe - auch echte, realistische Portraits zeichnen können. Es ist alles eine Frage der Übung.

Viel Erfolg beim Portraitzeichnen!

Weiterlesen?

Realistisch Zeichnen Lernen: Buch von Martin Mißfeldt

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