Kunst & Malerei Blog von Martin Mißfeldt

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Speedpainting : Malerei Zeitraffer-Video

Speedpainting – Was ist das? Ich habe mittlerweile über 30 dieser Bilder / Videos gemalt, die ich so nenne. Aber was ist eigentlich ein Speedpainting und wie kann man es definieren. Um der Sache näher zu kommen, habe ich mal einige Recherchen angestellt, die ich im folgenden mal zusammentragen möchte.

Manchmal wird ein speedpainting als solches bezeichnet, weil der Malprozess als Zeitraffer-Video vorgeführt wird. Dadurch wirkt es zunächst so, als wäre besonders schnell gemalt worden. Diese Tatsache macht das Video sicherlich spannend und attraktiv. Und auf den ersten Blick scheint der Begriff „speed painting“ einleuchtend. Aber schon bei zweiten Nachdenken wird klar, dass das Bild natürlich nicht so schnell gemalt ist. Ein speedpainting muss sich anders definieren.

Wenn man heute (12.11.2008) nach „speedpainting“ googelt, erhält man rund 1 Millionen (genau: 987.000) gefundene Seiten, in denen der Begriff auftaucht. Die alternative Schreibweise „speed painting“ liefert 1,5 Millionen Ergebnisse. Interessanterweise finden sich fast die gleichen Ergebnisse in etwas anderer Reihenfolge. Für google sind „speedpainting“ und „speed painting“ also Synonyme (bedeutungsgleiche, mind. sinnverwande Begriffe). Der Begriff ist also inzwischen recht verbreitet. Bei „google-Trends“ sieht man, dass der Begriff seit Februar 2007 plötzlich aus dem nichts auftauchte, in die Höhe schnellte und seither recht stabil blieb. Aber was ist im Frühjahr 2007 geschehen?

Um dieser Frage nachzugehen, habe ich mal versucht, die Historie der Speedpainting-Videos bei youTube zu rekonstruieren. Am 9. Februar 2007 hat Nico di Mattia (macpulenta) sein Video „Thom York“ und zwei Wochen später den „LOST – John Locke“ bei youTube veröffentlicht. Insbesondere das zweite Video hat eine Welle der Begeisterung ausgelöst, die sich in zahlreichen Artikeln niederschlug. Es war einer der ersten Hypes der damals relative neuen web2.0-Szene. Hier weitere Ergebnisse zur Historie der Speedpaintings.

Interessanterweise nennt Nico seine Videos noch „Time-lapsed arte (fusion)„. Er war zwar der erste, der mit dieser Art von Videos eine große Öffentlichkeit erlangte, aber er hat nicht den Begriff „erfunden“. Nach meinen Recherchen war es Bill Corbett (arbaon), der in seinem Video „Kate Beckinsale speed painting“ den Begriff „Speed painting“ zum ersten mal prägte (8. März 2007). Zumindest taucht der Begriff dort zum ersten Mal im Video auf. Da sich der Titel der Videos bei youTube im Nachhinein noch ändern laäßt, habe ich mich an dem orientiert, was in den Videos zu finden ist.

Mein erstes Speedpainting habe ich am 7. Mai 2007 veröffentlicht. Ich bin also auf einen „fahrenden Zug“ aufgesprungen. Dieses erste Speedpainting hat den Titel „Einsame Giraffe am Tschad-See“ und ist eigentlich eher ein „speed drawing„. Den Begriff „speedpainting“ habe ich aber seinerzeit noch nicht benutzt – offenbar war er nicht so verbreitet, dass ich mein Video so bezeichnet hätte.

Und damit ist, so zwischen den Zeilen, die Kernaussage dieses Beitrages schon auf den Punkt gebracht: Ich benutze den Begriff „speedpainting„, weil er im Kontext eines bestimmten Videotypus benutzt wird. Und ich möchte, dass meine Videos in diesem Kontext gesehen werden.

speedpainting „Definitionen“

Auf den oben erwähnten Ergebnissseiten von google (Suche „speedpainting“) liefern zu 90% oder mehr nur die weit verstreuten speedpainting-Videos. Nur sehr wenige Seiten versuchen, ein wenig hinter die Oberfläche zu schauen und zu felektieren, was ein speedpainting ist. Glücklicherweise und zurecht finden sich diese Seiten unter den ersten Treffern. Ok, was wird da angeboten?

Schon am 4. April 2007 hat Marie Schweiz (marylou) im Paintblog unter dem (gönnerhaften 😉 Titel „Speedpainting für alle“ einen Artikel verfasst. Sie nutzt die (damalige) Wikipedia-Definition [Zitat]: „Laut Wikipedia ist “Speedpainting” eine Maltechnik, mit der versucht wird mit möglichst wenig Pinselstrichen, möglichst viel darzustellen oder zu erzeugen. Zeit ist zweitrangig, laut Wikipedia.“ Und interessanterweise, vielleicht aufgrund der überraschenden These, dass Zeit zweitrangig sei, fährt Marie fort: „»Bob Ross«, den sicherlich die meisten kennen werden, ist vermutlich der erste »Speedpainter«. Dennoch bezieht Marie ihren Artikel eindeutig auf die youTube-Videos von Nico die Mattia.

Im September 2007 hat Dirk Metzmacher im Photoshop Weblog festgestellt, dass „speedpainting“ eigentlich eine „falsche“ Bezeichnung ist. Zitat: „Auch wenn der Begriff Speed Painting in diesem Zusammenhang oft verwendet wird, geht es doch zumeist um ein »time-lapse video of a painting«. […]“. So sehr er damit recht hat, so sehr hat ihn (und andere mahnende Stimmen) die allgemeine, inzwischen massenhafte Verwendung des Begriffs einfach widerlegt.

Ähnlich argumentiert auch der speedpainting-Artikel bei Wikipedia, um den es nach einigen wilden „Schreibrangeleien“ inzwischen recht ruhig geworden ist. Dort wird er Artikel eingeleitet mit [Zitat]: „Der Begriff Speedpainting (Schnellmalerei) bezeichnet eine besonders schnelle Vorgehensweise bei der Arbeit mit digitalen Mal- und Bildbearbeitungsprogrammen. […]“ Es ist historisch und begrifflich sicherlich korrekt, die Definition in der „Schnellmalerei“ zu suchen. Denn schon vor dem Auftauchen der ersten „speedpainting Videos“ hat sich eine Szene von digitalen Künstlern gefunden, die den Begriff besetzt haben. Als Beispiel sei der „Speedpainting-Thread“ aus dem Digital-Art Forum genannt, der schon am 29. Mai 2006 ins Leben gerufen wurde. Zitat Themanstarter SickToy: „Ich hoffe ich funke keiner Idee dazwischen das ich hier einfach mal in alter Manier n Speed Thread aufmache Very Happy Sonst halt … verschieben löschen ausbomben oder was weiss ich ….

Vor einigen Tagen hat Bastian („Borst“) eine Artikelserie beendet, in der er ein Speedpainting erstellt hat. Witzige Idee, ein speedpainting über einen Zeitraum von ca 4 Wochen in seinem Blog als Einzelbild-Stationen zu präsentieren. Irgendwie das Gegenteil von dem, was sonst als Zeitraffe-Video angeboten wird. Er ist sich dieses Widerspruchs sehr bewußt, beruft sich aber auch auf Wikipedia, wo es heißt: „Hierbei wird versucht mit wenig Pinselstrichen möglichst effizient ein Bild herzustellen. Die dazu benötigte Zeitspanne ist eher zweitrangig, der Name bezieht sich eher auf die effiziente Arbeitsweise.“ Ich verstehe allerdings nicht, wieso eine solche Definition nach wie vor bei Wikipedia steht – insbesondere, weil es die dem bereits oben genannten Satz „eine besonders schnelle Vorgehensweise“ widerspricht. Der Wikipedia-Artikel, auf den sich viele berufen, stiftet eher Verwirrung, als dass er aufklärt.

Noch kurz erwähnen möchte ich einen aktuellen Artikel vom „painters-blog„, in dem Hans eine Kritik vorbringt, die ich auch in vielen Kommentaren zu speedpainting-Videos gelesen habe. Zitat: „[…] Wieder so ein Schlagwort von dem jeder denkt das sei etwas ganz besonderes. Doch eigentlich bedeutet es nichts anderes als Skizzieren. […]„. Es wird zwar nicht deutlich, wie Hans auf diese Definition kommt, aber es zeigt sich eine Art „Abneigung“ gegen den Begriff und die daraus resultierenden Bilder. Er stellt fest, dass die meisten (insbesondere die traditionellen) Künstler ja auch skizzieren.Und dann die überraschende Wendung [Zitat]: „[…] Was heute oft als Speedpainting im Internet zu finden ist hat nur noch wenig damit [dem Skizzieren, Anm. d. Autors] zu tun. […]“ – (!) Hehehe, eiskalte Kehrtwende. Erst mal meckern , und dann etwas anderes meinen. Interessant ist der Artikel aber allemal: Zeigt er doch, dass viele die unter dem Begriff „speedpainting“ verbreiteten Videos und Bilder offenbar überbewertet finden.

Soweit eine grobe Zusammenfassung meiner Recherchen. Fazit:

  • Es gibt zwei Kontexte, die den Begriff für sich in Anspruch nehmen: die „Malprozess-Videos“ und die digitalen Schnellmaler. Nur in ganz seltenen Fällen kommt beides zusammen (z.B. Matthias Verhasselt). Nico dei Mattia, ohne Frage der populärste „Speedpainter“, ist sicher kein „Schnellmaler“ im o.g. Sinne. Die Anhänger der beiden Lager verunglimpfen sich in Foren und Blogs gegenseitig und halten so eine belustigende Debatte in Gang.
  • Es gibt keine zeitliche Festlegung, wie lange ein speedpainting maximal dauern darf. Die Schnellmaler gehen in ihren Post (soweit ich das alles nachlesen konnte) von ca. 30 Minuten Malzeit aus. Die meisten speedpainting-Videos bei youTube nennen eine Arbeitszeit von ca. 3 – 5 Stunden.
  • Es gibt keine Reflexionen zu der Frage, ob ein speedpainting eigentlich ein Bild, ein Video oder ein Prozess ist.

Meine speedpainting Definition

Vor diesem Hintergrund möchte ich mal meine Definition des speedpainting vorstellen. Zunächst mal bin ich der Meinung, dass ein speedpainting schon in einer „relativ kurzen Zeitspanne“ entstehen sollte, denn sonst macht der Begriff keinen Sinn. Als solche Zeitspanne würde ich ca. 3 Stunden definieren. Hintergrund: Als (auch) traditioneller Maler halte ich einen Zeitraum von 3 Stunden für recht schnell, um ein finales Bild zu erzeugen. Mit finalem Bild meine ich keinen Skizzen, sondern „ausgearbeitete“ Bilder. Es heißt ja „speedpainting“ und nicht „speedsketching“.

Als zweites verstehe ich unter einem Speedpainting nicht ein statisches Bild, sondern den Malprozess an sich. Das zuvor genannte finale Bild ist zweitrangig (im Grunde völlig nebensächlich), der Fokus liegt auf dem Prozess des Malens. Nur so ist zu erklären, warum besonders die trivialen Bildmotive bei youTube so populär sind. Die finalen Bilder der speedpainting-Videos hätten kaum eine solche Aufmerksamkeit erzeugt, wenn sie nicht als speedpainting Videos quasi „live und im Auge des Betrachters“ gemalt worden wären. Das Resultat, also das Produkt, ist demnach ein Video, nicht das Bild.

So gesehen macht es auch keinen Sinn, zwischen „traditionell“ und „digital“ gemalten Bildern zu unterscheiden. Solange der Prozess des Malens im Fokus steht, handelt es sich um ein speedpainting.

Soweit meine bisherigen Überlegungen. Irgendwie ist und bleibt diese ganze speedpainting-Definiererei unbefriedigend. Aber es gibt einfach keinen besseren Begriff für diese Art von „Zeitraffer-Malprozess-Videos“. Time-lapsed-painting-process-video klingt irgendwie nicht so rund für eine web2.0 Blogszene. Und ohne diese Blogs würde sich kein Mensch für speedpainting interessieren…

Aber wie bereits oben gesagt: Ich benutze den Begriff nur, weil ich meine Videos dadurch in einen bestimmten Kontext stellen kann… Einige meiner Speedpaintings sind in folgenden Galerien zu sehen:

Und viele ähnliche Überlegungen (in anderen Worten) finden sich auf dieser Seite: Speedpainting oder in meinem User account bei youTube/mssfldt