Perspektive zeichnen - wie geht das? Ein Tutorial von Martin Mißfeldt

Perspektive [1]: perspektivisch zeichnen mit Fluchtpunkt und Fluchtlinien

Was ist die Perspektive?

Raffael: Die Schule von Athen
Raffael: Die Schule von Athen (1510/11)
Zentralperspektivische Konstruktion

Im Jahre 1436 schrieb der italienische Künstler und Universalgelehrte Leon Batista Alberti den Traktat "De Pittura" (über die Malkunst). Darin enthalten ist die erste theoretische Abhandlung der Neuzeit über die Perspektive. Alberti beschreibt, dass die Perspektive einem "Fensterdurchblick" vergleichbar sei. Ein perspektivisches Bild ist wie das Abbild eines Schnittes durch die Sehpyramide. Die Spitze dieser Sehpyramide liegt dabei im Auge, von dem aus sich der Blick pyramidenförmig auf die Welt richtet. Schon die Griechen und Römer kannten eine perspektivische Konstruktion ("Winkelperspektive"), was man in alten Wandmalereien ersehen kann, bei denen es um eine angedeutete Raumillusion ging (Beispiel).

Die Perspektive ist eine künstlerisches (technisches) Konstruktionsverfahren, das dazu dient, unsere dreidimensionale Seherfahrung auf einem zweidimensionalen Bildträger zu illusionieren. Die Perspektive bezieht sich dabei stets auf das gesamte Bild, nicht nur auf die Verkürzungen einzelner Bildteile.

Neben Alberti waren viele andere Künstler wie Filippo Brunelleschi, Piero della Francesca oder Albrecht Dürer Vorreiter auf dem Gebiet der Perspektive. Mehr dazu im zweiten Teil über die Historie der Perspektive als künstlerische Form. Hier die Überschriften dieses Artikels:

  1. Das Auge - Sehen und Sehstrahlen
  2. Die Horizont-Linie
  3. Der Fluchtpunkt der Zentralperspektive
  4. Eine perspektivische Zeichnung anlegen
  5. Die Eroberung des Raumes
  6. Vogelperspektive und Froschperspektive

Mit Hilfe der Perspektive kann man Bilder malen oder zeichnen, die dem ähneln, was unser menschliches Auge sieht. Die Kenntnis des perspektiven Zeichnens ist somit die Grundlage für realistisches Zeichnen und Malen.

Das Auge

Auge und Sehstrahl: Wie ein Bild ins Gehirn gelangt
Auge und Sehstrahl: Wie ein Bild ins Gehirn gelangt.

Um zu verstehen, wie Perspektive funktioniert, muss man sich zunächst klar machen, wie das menschliche Sehen funktioniert. Nehmen wir zunächst der Einfachhheit halber an, man hätte nur ein Auge (so wie ein Zyklop). Alle visuellen Informationen dieser Welt würden dann durch die Linse (Pupille) ins Auge eindringen. Auf der Rückseite der Netzhaut entsteht so ein spiegelverkehrtes Abbild der visuellen Welt. Dieses Abbild wird von Photorezeptoren in elektrische Impulse umgewandelt, um im Gehrin weiterverarbeitet werden zu können. Aber das ist ein anderes Thema (einige Ölbilder dazu).

Stereoskopisch Sehen
Stereoskopisch Sehen

Entscheidend an dieser Einleitung ist folgendes: das Licht, das von den Gegenständen reflektiert wird, fällt als kerzengerade Lichtstrahlen in unser Auge. Nicht schief und krumm, sondern kerzengerade!
Diese geraden Linien, die aus der Tiefe des Raumes in unser Auge treffen, werden bei der perspektivischen Konstruktion simuliert bzw. als Hilfslinien gezeichnet.

Das Sehen an sich ist zwar noch etwas komplizierter, vor allem, wenn man bedenkt, dass wir zwei Augen haben, die nebeneinander sitzen. Dieses "stereokopische Sehen" (aus zwei leicht verschiedenen Perspektiven) ermöglicht es uns, die Welt räumlich zu sehen. (Btw: das ist auch der Grund, warum man doppelt sieht, wenn man betrunken ist). Aber das ist eigentlich hier nicht wichtig, denn die perspektivische Konstruktion simuliert immer den Eindruck, den ein Auge hat. Mehr über: Wie funktioniert das Auge?

Die Horizont-Linie

Betrachter und Horizont
Betrachter und Horizont (von oben)

Unsere Erde ist zwar eine Kugel, aber dennoch so groß, dass der Horizont des Meeres immer wie eine gerade Linie aussieht. Zumindest so lange wir uns auf der Erde bewegen (was ein bodenständiger Künstler ja tut). Da wo Hügel oder Berge oder Bäume diesen Horizont verdecken, muss man ihn sich denken.

Die Horizont-Linie ist diejenige Linie, die den Boden, auf dem wir stehen, visuell beendet. Alle Prinzipien der Konstruktion, die mit dem Fussboden zu tun haben, enden in der Horizontlinie. Man kann es auch so formulieren: der Boden ist der zweidimensionale Untergrund, und alles, was wir dreidimensional zeichnen wollen, muss irgendwie in Bezug zu diesem Untergrund stehen. Bevor wir also in den Raum gehen, müssen wir erst mal den Grund kontrollieren können.

Der Fluchtpunkt

Wenn man nun von seinem aktuelle Standpunkt aus geradeaus schaut, dann ist der Punkt, an dem diese Blickachse auf den Horizont trifft, der Fluchtpunkt der Zentralperspektive. Parallele Linien laufen im Raum immer auf einen gemeinsamen Fluchtpunkt zu.

Die Horizontlinie ist die Achse, auf der sich alle Fluchtpunkte befinden, die mit dem Untergrund zu tun haben. Da fast alles aufgrund der Schwerkraft irgendwie mit dem Fussboden in Verbindung steht, kommt diesem Grundverständnis eine enorme Wichtigkeit zu. Man könnte es auch flappsig formulieren: einen fliegenden Vogel braucht keinen Fluchtpunkt am Horizont - der folgt anderen Gesetzen.

Perspektive - Architektur
Architektur-Vedeute (Gemäldegalerie Berlin) - Fluchtpunkt und Fluchtlinien - exemplarische Konstruktionslinien

Eine perspektivische Zeichnung anlegen

Das folgende Beispiel veranschaulicht das bisher Gesagte: die Fluchtlinien laufen aus der Tiefe auf den Fluchtpunkt zu - und der Abstand zueinander verbreitert sich. Zunächst einmal wird nur die Grundfläche auf dem Boden gezeichnet:

perspektivische Zeichnung 1
Beginn einer perspektivischen Zeichnung: Horizont - Fluchtpunkt - Sehachse - Abstände vorne - Fluchtlinien - Fläche zeichnen

In Abbildung 4 sieht man, wie man die Fluchtlinien regelmäßig verteilen kann: einfach im Vordergrund Hilfspunkte einzeichnen, deren Abstände identisch sind. Damit haben wir die Grundfläche definiert.

Die Eroberung des Raumes

Wenn ein Körper nun dreidimensional erscheinen soll, dann muss man einfach die obere Begrenzung vorne einzeichnen, und von dort aus dann die Fluchtlinie zeichnen, um anschließend die hinter Begrenzung zu finden. Die folgende Abbildung veranschaulicht das:

perspektivischen Zeichnung 2
Perspektivisch Zeichnen (2): Kontruktion des Raumes (über dem Grundriss)

Ma erkennt schon in den Skizzen, dass beim perspektivischen Zeichnen das Radiergummi eine große Rolle spielt. Für die Konstruktion sind zahlreiche Hilfslinien erforderlich, die das fertige Bild nicht braucht. Man muss sie also wegradieren (oder aus ästhetischen Gründen stehen lassen).

Zwei Fluchtpunkte für schräge Teile

Was aber nun, wenn der Gegenstand, den man perspektivisch zeichnen will, gar nicht parallel zum eigene Standlinie verläuft? Was ist, wenn man auf die Ecke bzw. vordere Kante eines rechteckigen Gegenstandes schaut? Dann gibt es dafür nicht einen, sondern zwei Fluchtpunkte. Erneut schauen wir uns zunächst nur den Grundriss, also den zweidimensionalen Boden an. Wenn man zwei Fluchtpunkte hat, braucht man links und rechts viel Platz für die Konstruktion der Fluchtlinien:

perspektivisch zeichnen mit zwei Fluchtpunkten
Perspektivisches Zeichnen eines schrägen Gegenstandes mit Hilfe von zwei Fluchtpunkten

Tipp: Da man für die Kontruktion einer zwei-Fluchtunkt-Perspektive meist viel mehr Platz braucht als für das angestrebte Bild nötig ist, empfielt es sich, rechts und links zwei zusätzliche Papierbögen anzulegen und gg. mit kleinen Klebestreifen (auf der Rückseite) zu fixieren. Statt eines sehr langen Linieals kann man auch eine gerade (sauber gesägte) Holzleiste benutzen, die man in jedem Baumarkt bekommt.

Vogelperspektive und Froschperspektive

Auf welcher Höhe liegt der Horizont? Diese Frage hat einen erheblichen Einfluss auf die Wirkung eines Bildes. Man unterscheidet im Prinzip drei Formen der Perspektive:

Vogelperspektive Froschperspektive
Vogelperspektive (links) - Nomale Perspektive (mitte) - Froschperspektive (rechts)

Und nun? Perspektivisch zeichnen von grob nach fein...

Und nun, wird sich manche(r) fragen? Einen einfachen Kasten zu konstruieren ist doch simpel, aber wie geht es, wenn man die Kathedrale von Rouen perspektivisch zeichnen möchte? Nun, im Prinzip genauso. Das Geheimnis ist, dass man diese Art der Kontruktion immer weiter verfeinern kann. Man kann weitere Kästen anbauen, oder Stücke abteilen. Angebaute Teile haben möglicherweise andere Fluchtpunkte, wenn sie nicht rechtwinklig zum Hauptkasten stehen und so weiter.

Allen, die es versuchen: viel Spaß und Erfolg :-) Anregungen, Kritik und Fragen bitte hier.

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Eine perspektivische Kugel

Abschließend noch ein gänzlich unsinniges Unterfangen: eine perspektivische Koonstruktion einer Kugel. Das ist natürlich schon von Ansatz her unlogisch, weil eine Kugel weder Ecken noch Kanten hat. Man kann sie daher gar nicht perspektivisch konstruieren, zumindest wenn es um den Körper an sich geht. Ich habe es dennoch getan :-)

Perspektivische Kugel
"Perspektivische Kugel" Martin Mißfeldt, 1993, 26 x 26 cm, Bleistift und Farbstift auf Papier

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