Kunst & Malerei Blog von Martin Mißfeldt

Diese Website verwendet Cookies, Google Analytics und zeigt interessenbezogene Werbung. Datenschutzhinweise öffnen ... Ok, einverstanden.

Mal-Reise nach Capri

Die „Lust auf Reisen – Künstler auf Reisen“ ist der Titel einer Ausstellung im Landesmuseum Münster. In ihrem „kunstfreunde-blog.de“ hat Christiane Hoffmann die Ausstellung vorgestellt. Beim Lesen fiel mir auf, dass auch für mich eine „Malreise“ von entscheidender Bedeutung war.

Alles begann damit, dass ich als Zwölfjähriger ein Ölbild von meinem Urgroßvater Friedrich Mißfeldt entdeckte, das auf ca. 80 x 100 cm einen steil ins Meer abfallenden Felsen zeigte. Mein Großvater erklärte mir darauf hin, dass sein Vater zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Malreise auf die Insel Capri unternommen hat. Ich war begeistert und in meinem Kopf reifte eine Sehnsucht…

Als Jugendlicher wird man von allen Seiten gedrängt, sich zu überlegen, was man mit seinem Leben anfangen will. Besser gesagt: wie man in Zukunft möglichst viel Geld verdienen kann, um eine gesittetes Leben zu führen. Ich habe mich schon früh für Kunst und Malerei interessiert, und so lag es nahe, über ein Künstler-Dasein nachzudenken. Außer mir waren jedoch alle von diesen Überlegungen entsetzt. Es war natürlich schwierig, meine Pläne argumentativ zu untermauern, weil alles nur ins Blaue hinein gesponnen war. Die Wahrscheinlichkeit, als Lehrer, Arzt oder Maschinenbauer ein finanziell unabhängiges Leben zu führen, war ungleich höher.

Mit siebzehn Jahren fasste ich dann einen folgenschweren Entschluss: ich wollte auf die Insel Capri reisen, dort malen und von meinen Bildern leben. Wenn das klappen sollte, wollte ich Künstler werden und Kunst studieren. Ich wollte es meinem Umfeld, aber vor allem auch mir selber, beweisen, dass ich als Künstler „ausreichend gut“ wäre.

Ich besorgte mir also eine Bahnfahrkarte nach Neapel und zurück (sicher ist sicher).  Und zu Beginn der Sommerferien des Jahres 1986 packte ich meine Maltasche mit Ölmalkasten und Aquarellkasten und schulterte eine unglaublich sperrige Staffelei. Ich hatte ungefähr 150 DM zum Leben in der Tasche. Natürlich wusste ich, dass das nur für ein paar Tage reichen würde. Aber das war ja der Witz: ich wollte mich zwingen, von meinen Bildern zu leben. Alles oder nichts…

Ich setzte mich in den Zug und erreichte 15 Stunden später am nächsten Morgen Neapel. Dort angekommen fuhr ich mit dem Bus zu Hafen, bestieg eine Fähre und setzte direkt nach Capri über. Wie man sich vorstellen kann, war es ein überwältigendes Gefühl, die Insel im fahlen Morgenlicht auftauchen zu sehen.

In meiner jugendlichen Naivität hatte ich ein Zelt dabei. Ich bestieg also vom Hafen aus auf der Hauptstraße die Insel und wanderte so lange, bis rechts und links von mir nur noch Obstgärten lagen. Ich  marschierte rechts ab einen Feldweg entlang, der mitten auf eine Obst- oder Weinplantage endete. Dort schlug ich mein Zelt auf, das ich mir einem kleinen Vorhängeschloss sicherte (wenn ich mir das heute so durchlese, könnte ich mich kaputtlachen). Da ich nun meine Unterkunft geregelt hatte, nahm ich meine Malsachen, ging zurück zum Hafen und begann ein paar Skizzen und Zeichnungen zu machen. Es wunderte mich schon etwas, dass ich dort der einzige Zeichner war. Eigentlich hätte ich im Umfeld von Tausenden von Touristen ein Heer von Straßenmalern und Portrait-Zeichnern erwarten. Nichts dergleichen. Egal, ich habe den ganzen Tag vor mich hin gemalt, ohne dass mich irgendjemand beachtet hätte. Ich erinnere mich, dass die Nacht etwas mühsam war, weil ich eine Flasche Cola verschüttet hatte und zu allem Überfluss noch eine Ameisenstraße durch mein Zelt verlief. Irgendwie habe ich aber den nächsten Morgen erreicht.

Erneut setzte ich mich an den Hafen und begann zu zeichnen. Dieses Mal wurde mir mehr Aufmerksamkeit zuteil. Offenbar hielt man mich tags zuvor für einen Tagestouristen, nun aber wurde klar, dass ich auf der Insel übernachtet hatte. Ich sprach zwar kaum ein Wort Italienisch, verstand aber aus den Erklärungen der Bootsleute, dass auf Capri die Straßen- und Portrait-Malerei untersagt war. Es haben mir aber alle so aus den Mundwinkeln und mit den typischen italienischen Handbewegungen zu verstehen gegeben, dass man mich nicht anschwärzen wollte. Ich habe daraufhin, wie zum Dank, den Bootsteg mit den Booten, die die Touristen zur Capri-Attraktion „Die blaue Grotte“ schipperten, gemalt. Natürlich kamen ständig die Bootsfahrer und hatten Verbesserungsvorschläge, die ich auch bereitwillig umsetzte. Wie auch immer, ich hatte Kontakt mit „Einheimischen“ bekommen. Schon bald sollte sich zeigen, wie wichtig das war.

Für die darauf folgende Nacht habe ich mein Zelt um einige Meter versetzt, um im Einklang mit der Natur und den Ameisen besser schlafen zu können. Nach einer ruhigen Nacht habe ich am dritten Tag dann mein erstes Ölbild von der Hafenszenerie fertig gemalt. Ich hatte dafür ca. 10 Keilrahmen und Leinwände im Format von 40 x 60 cm mitgenommen. Am Abend habe ich noch ein Aquarell auf dem Feld vor dem Zelt gemalt und bin dann, als es dunkel war, ins Zelt gekrochen. Um mich herum waren die Luft erfüllt von Gezirpe der Grillen. Nachdem ich schon leicht eingeschlafen war, hörte ich dann ein Auto. Der Motor wurde ausgemacht und ich sah den Lichtkegel eine Taschenlampe auf mein Zelt zukommen. Zwei dunkle Männerstimmen redeten aufgeregt flüsternd. Ich verstand kein Wort (logisch, war ja italienisch) und hatte ziemliche Angst. Blitzschnell schoss mir durch den Kopf, dass es ewig dauern würde, ehe jemand bemerken würde, dass ich nicht mehr da sei…

Der Lichtkegel wurde auf den Zelteingang gerichtet und eine Stimme rief: „Come out“ oder so. Ich krabbelte ängstlich aus meinem Zelt und vor mir standen: zwei Polizisten. Sie erklärten mir, dass das Campieren auf Capri streng verboten sei. Ich könne zwar noch über Nacht  bleiben, müsste aber gleich am nächsten Morgen das Zelt abbauen und verschwinden. Meinen Hinweis, dass ich doch Künstler werden wolle und deshalb bleiben müsse, jedoch kein Geld für ein Hotel auf Capri hätte, beantworteten sie nur hämisch lächelnd und mit einem Schulterzucken: Dann müsse ich eben abreisen.

Baff. Nach nur drei Tagen sollte nicht nur dieses Reise-Abenteuer, sondern auch meine Künstlerbiografie zu Ende sein. Die Polizisten konnten natürlich nicht verstehen, dass meine Zukunft von diesem Capri-Aufenthalt abhing. Und ich sah schon die Gesichter zuhause und ihr schlaumeierisches: „Siehst, haben wir doch gleich gesagt. Naja, ist besser so!“

Aber ich sah keinen Ausweg und war mir sicher, dass das Künstler-Dasein für mich damit beendet war. Nach einer schlaflosen, frustrierten Nacht packte ich am nächsten Morgen meine Sachen und setzte mich mit all meinem Gerümpel an den Hafen, um dort ein letztes Bild zu malen, dass ich als Erinnerung an meine kurzes Künstlerleben mit zurück nehmen wollte. Es kam aber anders: denn einer der Bootleute bemerkte, dass ich ziemlich niedergeschlagen war. Irgendwie schaffte ich es, ihm die Geschichte zu erzählen. Und er bot mir an, mich auf seinem Boot schlafen zu lassen, wenn ich ihm als Gegenleistung eine Bild mit dem Hafen und seinem Boot in der Mitte malen würde. Und so ist es dann gekommen. Zunächst habe ich einige Nächte auf einem offenen Boot unter den Bänken geschlafen, als es dann jedoch eines Nachts regnete, bin ich am nächsten Morgen „umgezogen“ in ein größeres Boot mit geschlossenem Führerhäuschen.

Ich habe dann jeden Tag ein Ölbild gemalt – Keilrahmen konnte ich dort nachkaufen. Und fast täglich habe ich die Bilder für umgerechnet ca. 40 – 50 DM an die Bootsleute, Hafenbarbesitzer, eben die „arbeitende Bevölkerung“ von Capri verkauft. Ich glaube, ich habe nicht ein einziges Bild an einen Touristen verkauft. Warum, weiß ich gar nicht.

Nach sechs Wochen bin ich dann mit ca. 800 DM wieder zurück nach Hause gefahren. Und vor allem war ich mir sicher: Ich werde Künstler werden …