Kunst & Malerei Blog von Martin Mißfeldt

Kann man einem Werk ansehen, ob es Kunst ist?

Kunst ansehen

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Es gibt zahlreiche „Definitionen“, was Kunst ist. Viele davon sind in Büchern und wissenschaftlichen Arbeiten begründet und hergeleitet – aber kaum jemand kennt diese Arbeiten. Letztlich beruht der aktuelle Kunstbegriff in unserer Gesellschaft auf Konventionen, die durch soziale Kontakte überliefert sind oder sich neu bilden. Im Zeitalter des Internets verschieben sich diese Wahrnehmungsgewohnheiten und damit die Konventionen. Die Kluft zwischen dem Experten-Kunstbegriff und dem der breiten Masse wird immer größer.

Kann man Kunst am Werk erkennen?

Kann man Kunst am Werk erkennen?

Bei meinen Überlegungen zu diesen Fragen kam mir neulich eine fundamentale Frage in den Sinn, die ich in diesem Artikel mal publik machen möchte – auch um Eure Meinung darüber zu erfahren: Kann man einem Werk eigentlich ansehen, ob es Kunst ist oder nicht?

  • Falls man diese Frage mit „Ja!“ beantwortet, stellt sich die Frage, nach welchen formalen Kriterien man das beurteilt? Ist es dann letztlich Handwerk, was über den Kunststatus entscheidet?
  • Falls man die Frage mit „Nein!“ beantwortet, muss ja das Kriterium, dass ein Werk zum Kunstwerk macht, der Künstler selber sein. Und dann stellt sich die Frage: gibt es denn Werke, die ein Künstler macht, die keine Kunst sind? Oder hat man dann einen Freifahrtschein?

Ich habe mir meine Gedanken gemacht, möchte aber zunächst einmal hören, was ihr Leser/innen dazu meint. Oder ist die Frage an sich dusselig?

Ich freue mich über Meinungen und Kommentare…

13 Antworten zu "Kann man einem Werk ansehen, ob es Kunst ist?"

  1. Alex

    Eine ziemlich schwere Frage, da sie den Kunstbegriff und den Begriff des Kunstwerkes gleichzeitig streift. Ich denke in der Moderne selbst ist es nicht mehr einfach ein Kunstwerk als solches zu identifizieren, denn wie soll ich eine Brillo Box von der Brillo Box bzw. die Fontaine von Duchamp von einem einfachen Urinal unterscheiden ohne weitere Kriterien. Diese können zum Beispiel die Institution der Kunstwelt, der Rahmen der Präsentation oder auch der Titel des Werkes sein, wobei das Kriterium des Titels auch äußerst kritisch ist, da viele Werke heute den Titel „Ohne Titel“ tragen. Wobei selbst innerhalb einer Kunstwelt ist der Status eines Werkes als Kunstwerk nicht gesichert, denn nicht alles was ein Künstler schafft ist gleich Kunst und ebenso ist auch nicht alles was Beispielsweise mit guter Technik gemalt wird Kunst. Meines Erachtens ist es etwas was dem Kunstwerk immanent ist, sich nur durch bewusste oder unbewusste Interpretation dessen erschließen lässt und dabei eine Erkenntnis vermitteln kann indem es zum Denken anregt bzw. zwingt.

    • Missfeldt

      Ja, vielen Dank. Der Bezug zu den Readymades kam schnell :-)
      Vielleicht ist das der Grund, warum sich fast alle zeitgenössischen Künstler irgendwie auf Duchamp beziehen? Weil er das Werk profanisiert und damit den Künstler ins Zentrum gerückt hat?

      Oder täuscht mein Eindruck, dass sich heute fast alle auf Duchamp berufen?

  2. Alex

    Das glaube ich nicht einmal, da der Verlust der Bildlichkeit vorher schon bei den Expressionisten und Kubisten verwirklicht wurde.

    Ich denke das Kunst immer noch Erkenntnis vermitteln will und muss. Damit wird Sie aber in einem gewissen gerade unabhängig vom Künstler. Ein schönes Beispiel für diese Fähigkeit der Kunst ist George W. Bush, welche Guernica zuhängen ließ als er den Irak Krieg vor der UN rechtfertigte. Außerdem besteht das Problem beispielsweise auch bei der Unterscheidung von Kinderbilder und Bad Paintings. Wie diese Erkenntnisvermittlung im Detail dann funktioniert ist noch eine größere Frage. Denkanstöße dazu gibt es meines Erachtens bei Deleuze und seiner Theorie des bildlosen Denkens, die er in Differenz und Wiederholung beginnt zu formulieren, wobei sich auch damit allein der Status eines Werkes als Kunstwerk nicht vollständig beschreiben lässt.

    • Missfeldt

      Interessanter Sprung von Bush über Kinderbilder hin zu Deleuze. Wobei Deleuzes Rhizom mir seinerzeit Millionen von Synapsen zerschossen hat – danach stimmte ja nichts mehr :-)

      Irgendwie bekommt man bei der Frage gar keinen Standpunkt, von dem aus man eine Perspektive erkennen kann, finde ich. Aber ohne Standpunkt auch keine Erkenntnis, oder?

      • Alex

        Versteh gerade die Frage nach dem Standpunkt nicht, meinst du als Künstler, Kunstpublikum, Kunstexperte oder Philosoph? In jedem Fall kann die Antwort eine Andere sein. Aus philosophischer Sicht gehe ich davon aus das ein Kunstwerk auf den Betrachter wirkt evtl. über Schönheit, im Sinne von Kant, und aus dieser Wirkung es zu einem Denkprozess kommt der die Erkenntnis vermittelt.

  3. david

    Kunst ist für mich:
    – was mir gefällt
    – was ich bewundern kann (die Technik, die Form, oder die Idee), auch wenn es mir nicht gefällt.

    Das darf gerne jeder für sich selber definieren, aber mir bitte nicht vorgeben, daß ich einen Bleistift-Strich oder einen Fliegenschiss für Kunst zu halten habe. Ich toleriere die Meinung anderer hierbei, lasse mir aber nichts vorschreiben.

    Vielleicht gibt es also nicht „DIE Kunst“, sondern „die Kunst für mich“?

    Für mich der kritischte Beitrag zum Begriff Kunst: Hurz, von Hape Kerkeling: https://youtu.be/hCkJ7_Libww

    • Missfeldt

      Zitat: „Vielleicht gibt es also nicht „DIE Kunst“, sondern „die Kunst für mich“?“

      Ja, dass ist heute doch so, denke ich. Nur ist es damit auch beliebig – und Kunst hätte damit jegliche gesellschaftliche Relevanz verloren. Sie wäre nur noch Sammler-Vergnügen. Ist das wirklich so? Gibt ja viele Gegenbeispiele …

  4. Denise

    Kunst lässt sich, für mich persönlich, damit definieren, dass es jemandem gelungen ist mit greifbaren, alltäglichen Dingen wie Farbe, Material, Körper o.Ä. etwas auszudrücken, was für andere (auch/lediglich) als Gedanke oder Emotion vorhanden ist, aber eben schwer bis unmöglich ist mit so simplen Dingen wie eben Farbe, Material etc. auszudrücken. Somit kann natürlich alles Kunst sein, aber auch nichts. DIE Kunst gibt es also gar nicht, sondern sie bzw. die Umwandlung einer Darstellung zu Kunst hängt von den ganz individuellen Betrachtungen ab. Man kann einem Bild also nicht ansehen, ob es Kunst ist.

    Problem ist meiner Meinung nach auch, dass es bei vielen Dingen heißt „Das ist jetzt Kunst“ „Das muss Kunst sein“, weil eben entsprechend viele Menschen genau dieses Aha-Erlebnis haben oder gesellschaftlich relevante Personen dieses Gefühl haben. Die Meinung dieser Personen wird dann als besonders wichtig erachtet und entsprechend zählt dann auch das eig. individuelle Empfinden des Werkes als Kunst als allgemeine Meinung.

    • Missfeldt

      Danke für Deinen Kommentar. Ja, wieder die zwei Standpunkte: aus der persönlichen Sicht – und aus der „allgemeinen“ Sicht.

      Und klar: der Kunstbegriff ist in der täglichen Kommunikation maßlos überstrapaziert.

  5. Irene Schwarz

    Lieber Martin, ich hänge mich dann auch noch hier dran….
    Kunst ist für mich eine Mischung aus „Ideen vermitteln“ und „Können“. Mit der Ergänzung, dass sich bei mir Bewunderung einstellen muss, und zwar beim ersten Blick. Ein Bild muss mich „packen“, mein Blick muss dran klebenbleiben. Das ist der Fall, wenn ich beispielsweise ein Gemälde von Feininger sehe oder ein Aquarell von Thomas W. Schaller.
    Ein paar auf eine Leinwand drapierte Striche oder Ornamente, denen man einen Namen gegeben hat, können mich nicht beeindrucken, so etwas kann auch ein zwölfjähriger Schüler bei einem Themenprojekt im Kunstunterricht. Das ist für mich vielleicht eine Ideendarstellung, aber keine Kunst, das braucht einen anderen Namen. „Können“, und zwar in außergewöhnlichem Maß, gehört für mich einfach dazu.
    Sie sehen, meine Vorstellung von Kunst ist für manche wahrscheinlich „altmodisch“, aber so isses…
    Ich bin per Zufall auf Ihre Seite gestoßen, und finde sie sehr interessant – ich werde mich hier dann mal „durchsurfen“.
    Herzliche Grüße!
    Irene Schwarz

  6. Z

    Interessante Frage, die ich selbst leider mit einem ,,Nein“ beantworten muss.

    Die Absurdität des Kunstmarkts, ein Werk als Kunst zu deklarieren, nur weil dahinter ein bekannter Name steckt, ist kaum zu übertreffen. Die Künstler mit Namen haben den erwähnten Freifahrtschein, während frische Künstler mit frischen und kreativen Ideen Ihre Werke für einen Hungerlohn verkaufen müssen (wenn sie überhaupt den Absatzmarkt dafür haben).

  7. Roy Thomas

    Großartiker Artikel.. „Kunst ist Kunst – alles andere ist alles andere“ …
    Ich bin begeistert… weiter so liebe Kollegen…
    Roy

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