Kontrast: Hell-Dunkel und Farbkontraste

Was ist ein Kontrast? Welche Kontraste gibt es?

Kontraste
Kontraste - Gegensätze

Ein Kontrast ist ein Gegensatz. Der Begriff leitet sich aus dem Lateinischen ab: contra bedeutet „gegen“ und stare kommt von „stehen“. Bei einem Kontrast stehen also zwei Dinge gegeneinander. Im weiteren Sinne kann damit alles Mögliche gemeint sein: laut und leise, hart und weich, groß und klein etc. Aber in den meisten Zusammenhängen meint man "optische Kontraste". Das Auge bzw. die visuelle Wahrnehmung ist der dominanteste Sinn des Menschen. Immer, wenn Dinge im visuellen Eindruck aufeinandertreffen (gegeneinander stehen), spricht man von einem Kontrast.

Kontraste sind für die visuelle Wahrnehmung fundamental. Der physiologische Prozess des Sehens basiert auf der Trennung und Sortierung von Licht-Informationen. Diese Differenzierung des Lichtes (in den Schichten der Retina (Netzhaut) führt zu einer Verstärkung der Seheindrücke - man kann auch sagen: das Auge funktioniert wie ein Kontrastverstärker. Siehe dazu: Wie funktioniert das menschliche Auge? (Brillen-Sehhilfen.de)

Hell-Dunkel-Kontrast

Hell-Dunkel-Kontrast
Hell-Dunkel-Kontrast

Viele Menschen, vor allem Fotografen, verstehen unter Kontrast einen Hell-Dunkel-Kontrast. Die extremste Form eines Hell-Dunkel-Kontrastes sind eine Weiße und eine schwarze Fläche, die gegeneinander stoßen (auch "Schwarz-Weiss-Kontrast").

Wenn es nicht um abstrakte Flächen und Formen geht, spricht man von Licht und Schatten, die einen Hell-Dunkel-Kontrast im Bild hervorrufen. Je dunkler die Schattenpartien, und je helle die beleuchteten Zonen, um so stärker ist der Kontrast im Bild (Hell-Dunkel-Kontrast).

Mehr zum Thema Hell-Dunkel-Kontrast.

Hell-Dunkel-Kontrast in der Kunst

Der italienische Maler Michelangelo Caravaggio war ein Meister der Hell-Dunkel-Malerei: in seinen Bildern lässt sich die dramatische Bildkomposition aus Hell-Dunkel-Kontrasten sehr eindrucksvoll nachvollziehen. Diese Gemälde spielen sich meist vor einem dunklen Bühnenraum ab. Ein grelles Spot-Licht beleuchtet die Szenerie im Vordergrund. Durch das intensive Licht entstehen harte Schattenkanten.

Hell-Dunkel-Kontrast (Caravaggio)
Hell-Dunkel-Kontrast (Caravaggio)

Das Bild rechts zeigt die "Kreuzigung des Apostel Petrus" (1601-1604). Mit Hilfe des Hell-Dunkel-Kontrastes wird eine spannende Bildkomposition kreiert: durch die aufstrebende Bewegung von links unten nach rechts rutscht der gekreuzigte Petrus immer weiter nach rechts unten. Man spürt als Betrachter förmlich die Aussichtslosigkeit der Situation, die immer schlimmer wird. Neben dem Hell-Dunkel sind vier Farbflecken eingearbeitet: die gelbe und grüne Hose der beiden Peiniger sowie der angedeutete Umhang in der linken Bildmitte. Rechts unten, dort, wohin Petrus sinken wird, ist ein sanftes Grau-Blau zu sehen.

Weitere bedeutende Vertreten der "Hell-Dunkel-Malerei" (sog. "Chiaroscuro"), die sich in der Spätrenaissance entwickelte und weit in den Barock hineinwirkte, waren

Farbkontraste

Farbkontrast
Farbkontrast

Qua Definition gibt es jedoch noch viel mehr, auch optische Kontraste. Der Künstler Johannes Itten (1888 - 1967), der ab 1919 am Bauhaus im Weimar lehrte, hat eine Farbenlehre entwickelt, zu der auch die Lehre von den "7 Farbkontrasten" gehört. Diese sind im künstlerischen Sinne ebenso bedeutsam wie der Hell-Dunkel-Kontrast. Die weiteren Kontraste gehören ebenso zu den Grundlagen visueller Wahrnehmung und sind für die künstlerische Produktion sehr bedeutsam.

Farbe-an-sich-Kontrast

Der erste und vielleicht wichtigste Farbkontrast ist der Farbe-an-sich-Kontrast. Das menschliche Auge kann Licht mit einer Wellenlänge von 380 - 700 nm wahrnehmen. Dazu haben sich im Laufe der Evolution drei spezielle Photorezeptoren herausgebildet, die jeweils bei Lichtimpulsen bestimmter Wellenlängen "abspringen". So wird im Auge schon eine Kombination der Information vorgenommen, woraus im Gehirn unterschiedliche Farbeindrücke entstehen. Das menschliche Sehen kann also Farben unterscheiden. (Eine Ausnahme bilden Menschen mit Farbsehschwächen. Vor allem die Rot-Grün-Schwäche ist bei Männern verbreitet: etwa 9 Prozent der männlichen Bevölkerung ist davon betroffen.) Siehe dazu: Farbsehtest online (OnlineSehtests.de)

Farbkontrast (Franz Marc, Rote Pferde)
Farbkontrast (Franz Marc, Rote Pferde)

In der Bildenden Kunst gibt es zahlreiche Beispiele, bei denen der Farbe-an-sich-Kontrast das vorherrschende ästhetische Merkmal ist. Als Beispiel sei Franz Marc (1880 - 1916) genannt, dessen farbenfrohe Tierbilder seinerzeit auf viel Ablehnung stießen.

Das Bild links zeigt das Gemälde "Die roten Pferde" aus dem Jahre 1911. Pferde und Landschaft bilden einen Teppich aus Farbflächen, in denen praktisch alle Farben der künstlerischen Paletten eingewoben sind. Neben dem Farbe-an-sich-Kontrast spielt nur noch ein Hell-Dunkel-Kontrast eine geringfügige Rolle, um die Figuren des Vordergrundes vom Hintergrund zu trennen.

Eine Besonderheit des Farbe-an-sich-Kontrastes ist, dass bestimmte Farben von vorn herein heller wirken als andere. So wirkt zum Beispiel eine intensives, leuchtendes Gelb heller als ein sattes Blau. Das folgende Gemälde von August Macke, der ebenso wie Franz Marc zur Künstlergruppe "Der blaue Reiter" gehörte, ist ebenfalls ein glänzendes Beispiel für Farbe-an-sich-Kontraste:

Farbe-an-sich-kontrast (August Macke, Modegeschäft)
Farbe-an-sich-Kontrast (August Macke, Modegeschäft, 1913)

Mehr zum Thema Farbe-an-sich-Kontrast

Warm-Kalt-Kontrast

Farbkreis nach Johannes Itten
Farbkreis nach Johannes Itten

Ein künstlerisch sehr wertvoller Kontrast ist der Warm-Kalt-Kontrast. Er beruht auf der psychologischen Wirkung bestimmter Farben, die eher als Warm (Gold, Orange, Rot) oder kalt (Blau, Türkis, Blaugrün) empfunden werden. In dem Farbenkreis von Itten sind die warmen Farben rechts und die kalten Farben links angeordnet (siehe Abbildung rechts).

Johannes Itten listet die Gegensatzpaare, die sich aus dem Farbkreis ableiten lassen, wie folgt auf:

Warm-Kalt-Kontrast in der Landschaftsmalerei

Warm-Kalt-Kontrast(Giorgione)
Warm-Kalt-Kontrast ("Gewitter" 1507/08,
Landschaft von Giorgione)

Vor allem der letzte Punkt ist bei der Landschaftsmalerei bedeutsam. Der Vordergrund wird meist von erdigen, schweren, rötlich-braunen Tönen dominiert, die warm und nahe wirken. Das Bild fließt dann über Grüntöne in die Ferne, wo kalte blaue und graue Töne vorherrschen. Schon in der Renaissance, als die Künstler die "reale Welt" um sich herum als Motiv entdeckten, wurde der Warm-Kalt-Kontrast zur Erzeugung von Bildtiefe und Entfernung genutzt. Eines (laut Kunstgeschichte) der ersten Landschaftsbilder ist das berühmte Gemälde "Gewitter" des venezianischen Malers Giorgione (1478 - 1510).

In der Abbildung links erkennt man das Prinzip: im Vordergrund sind warme rot-braune und Ockerfarben vorherrschend, im Mittelgrund grüne Töne der Natur (Bäume und Wasser), der Hintergrund (oben) wird von kalten Blautönen dominiert.

Neben dem Warm-Kalt-Kontrast sei bei diesem Bild auf die Verwendung der Perspektive in der Architektur hingewiesen, die die sogartige Tiefenwirkung verstärkt.

Auch das folgende Gemälde des englischen Malers William Turner basiert auf einem sehr spannungsvollen Warm-Kalt-Kontrast.

Warm-Kalt-Kontrast (William Turner)
Warm-Kalt-Kontrast (William Turner: "Die letzte Fahrt der Temeraire")

Komplementärkontrast

Der Komplementärkontrast ist eine besondere Form des Farbe-an-sich-Kontrasts (siehe oben). Die sich im Farbenkreis gegenüberliegenden Farben sind demnach besonders kontrastreich (unterschiedlich). Bezogen auf die Grundfarben ergeben sich folgende Komplementär-Kontraste: Blau - Orange, Rot-Grün, Gelb-Violett. Die folgende Abbildung veranschaulicht das:

Komplementärkontrast der Primär- und Sekundärfarben
Komplementärkontrast der Primär- und Sekundärfarben (Farbkreis und Gegenüberstellung)

Wenn man die Komplementärfarben miteinander mischt, kommt immer grau heraus: sie heben ihre Farbintensität gegeneinander auf.

Komplementärkontrast van Gogh
Komplementärkontrast
Gelb-Orange und Blau-Violett
(Vincent van Gogh: Cafe bei Nacht)

Der Komplementärkontrast kann bei gleicher Farbhelligkeit oder -intensität einen spannungsreichen Kontrast erzeugen. Das gilt einerseits für die abstrakte Malerei, als auch für gegenständliche Malerei. Der französische Maler Eugene Delacroix hat zum Beispiel die Schattenpartien seiner Nordafrika-Aquarelle mit dunklen Komplementärfarben gemalt. Dadurch wird der Hell-Dunkel-Kontrast noch verstärkt und die Farben scheinen sonnendurchflutet zu leuchten.

Das Bild auf der linken Seite stammt von Vincent van Gogh (1853 - 1890). Seine "Cafe-Terrasse bei Nacht" (1888) wird durch einen sehr starken Komlementär-Kontrast geprägt: das künstliche gelb-orange Licht des Cafes kontrastiert das leuchtende Blau-Violett des Nachthimmels. Alle übrigen Elemente und Farbflächen des Bildes ordnen sich diese Spannung der Farben unter. Van Gogh hat in vielen seiner Bilder mit spannungsreichen Komplementär-Kontrasten gearbeitet, die seinen Bildern zum einen die energiegeladene Leuchtkraft verleihen, und zum anderen sehr spannungsreich seine innere Zerrissenheit vor Augen führen.

Die komplementäre Wirkung der Farben wird letztlich im Auge erzeugt, und auf dieser physiologischen Ebene ergibt sich daraus ein besonderer Effekt, den Itten als eigenständigen Kontrast bezeichnet hat: der Simultankontrast.

Simultankontrast

Der Simultan-Kontrast ist quasi das eine Art optische Täuschung, die sich aus dem Komplementärkontrast ergibt. Eine graue Fläche, die an eine Farbe grenzt, erzeugt den Eindruck der Komplementärfarbe. Auch der Simultan-Kontrast wurde in der Kunst eingesetzt, allerdings ist er als optisches Sehphänomen überall zu beobachten.

Simultankontrast
Simultankontrast: die grauen Balken wirken unterschiedlich farbig

Es gibt eine Reihe interessanter optischer Täuschungen, die auf dem Simultankontrast basieren. Am bekanntesten sind die sog. Nachbilder, die entstehen, wenn man längere Zeit eine bestimmte Farbkombination fixiert. Schaut man anschließend auf eine weiße Fläche, sieht man ein (virtuelles) Nachbild in den Komplementärfarben. Mit dem folgenden Video kann man das testen:

Im Nachbild scheint ein Goldfisch im blauen Wasser zu schwimmen.

Qualitätskontrast

Qualitätskontrast (Friedrich Nebel)
Qualitätskontrast (Caspar David Friedrich: "Nebel")

Beim Qualitätskontrast geht es um die Intensität der Farben. Leuchtende Farben wirken optisch vorne (also im Bild-Vordergrund), matte, stumpfe Farben wirken dagegen entfernt. Maltechnisch werden die matten, stumpfen Farbwerte einfach durch Beimischen von Grau (von Schwarz bis Weiß) erzeugt. Auch die Mischung der Komplementärfarbe führt zum Vergrauen der Farbe (s.o.).

Der Effekt wird gerne zusammen mit dem oben genannten Warm-Kalt-Kontrast in der Landschaftsmalerei benutzt. Das Gemälde "Nebel" (rechts) des deutschen Malers der Romantik Caspar-David Friedrich (1774 - 1840) aus dem Jahr 1807 zeigt deutlich den Kontrast zwischen den intensiven Farbwerten unten und den milchigen, matten Farben oben.

Quantitätskontrast

Johannes Itten nennt einen siebten Farbkontrast, den Quantitätskontrast. Die Grundidee geht bis auf Goethe zurück, der in seiner Farbenlehre ähnliches postuliert hat. Demnach sind Farben unterschiedlich "schwer" bzw. erfordern unterschiedlich viel Fläche, um proportional ausgewogen zu wirken. Allgemein verbreitet ist die Vorstellung, dass Rot und Grün im Verhältnis 1 zu 1 ausgewogen sind. Ein Teil Orange braucht zwei Teile Blau, und ein Teil Gelb erfordert drei Teile violett für eine ausgewogene Farbharmonie.

Quantitätskontrast
Quantitätskontrast (nach Goethe)

Auch wenn der Quantitätskontrast nur schwer "beweisbar" ist, so lässt er sich in vielen Beispielen der Kunstgeschichte aufzeigen. Als Beispiel dient ein Bild von Paul Cezanne (1839 - 1906). Die Verteilung der Farben Orange (Ocker) und Blau steht im Verhältnis 1:2.

Quantitätskontrast
Quantitätskontrast (Paul Cezanne: Die Bucht von Marseille, um 1885)

Zusammenfassung

Kontraste sind für die visuelle Wahrnehmung fundamental. Das Auge wirkt "kontrast-verstärkend". In der bildenden Kunst wurden und werden - ob nun gewollt oder nicht - zahlreiche Kontraste genutzt. Die Beherrschung der Kontraste gehört ebenso wie die Maltechnik zum Rüstzeug des Malers.

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